Arnold Odermatt: Feierabend

Feierabend

Verlag: Steidl [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-86930-973-6

Preis: 25,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 26. Januar 2020]
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Eindrucksvolle Einblicke in hoher Qualität in einen Mikrokosmos

Es hat sich herumgesprochen. Dass da einer war, der intuitiv und mit sicherem Instinkt genau jenen Moment, jene Atmosphäre, jene Wichtigkeit auf das Bild zu bannen verstand, um das es "den Leuten" je ging. Im Mikrokosmos seines Lebens- und Arbeitsortes Nidwalden in der Schweiz hat Arnold Odermatt, verschwenderisch fast mit seiner "freien Zeit", fotografiert. Und so, Bild für Bild, den Wandel der Zeit, das Leben der Bewohner, die "Feierzeiten" und den "Alltag" unnachahmlich und tief beeindruckend ins Bild gebannt. Vom Portrait bis zur Feiergesellschaft, von der Hochzeit bis zu den Arbeiten an der Elektrisierung der Gegend findet sich, Seite für Seite in unzähligen Fotografien, ein Einblick in das Leben im Kanton und, vor allem, in die instinktive Kunst Odermatts.

Wobei das Titelbild den Titel doppeldeutig bereits in sich trägt. Odermatt, im Berufsleben Polizist, in der freien Zeit am "Feierabend" Fotograf hat vielleicht nicht jeden Tag einen Handstand auf der Straße vollzogen, wenn der Feierabend eingeläutet wurde, aber das Titelbild zeigt bereits, in welcher auch erzählerischen Qualität Odermatt seine Bilder inszenierte und auf den Punkt brachte.

"Ich sammle nicht. Ich bewahre auf".

Ein Bild einer trächtigen Milchkuh? Ein neues Paßfoto, eine Sonntagaufnahme im "feinen Anzug" von der Familie? Oder, gleich zu Anfang, eine ganz eigene "Familiengeschichte" Odermatts, fast jedes Motiv, fast jedes fertige Bild erzählt zugleich eine Geschichte für den Betrachter. Denn wenn eine Seilbahngondel überfüllt mit Heuballen fast "durch das Bild gleitet", dann ist klar, dass dazu auch jene gehören, die das Heu eingefüllt haben und jene, die es erwarten und nutzen. Wie dann fast eine Geschichte der Seilbahn in den folgenden Bildern entsteht mit Gerätschaften, die schon lange inzwischen ausgemustert sind und mit denen zugleich die faszinierende Landschaft des Kantons mit ins Bild kommt.

Um dann auf die "Bediener", die Menschen hinter der Seilbahn "zu sprechen" zu kommen. Die Handarbeit des Käsemachens und der damals mühselige Transport, die Alphornbläser im Feiertagsstaat vor prächtigem Panorama, abgelöst von einfachen Menschen in einfacher Kleidung, die Zigarette im Mundwinkel beim "Geschäftemachen". Oder die fast unübersehbare Zahl parkender Autos in Korrespondenz mit einer noch viel größeren Menge an Menschen, die gebannt einem Ereignis folgen hin zu feinfühligen Portraits, bei denen der Gesichtsausdruck und die Atmosphäre ganze Lebensgeschichten, Glück und Ernst, abbilden. Die "frische Jugend, das "stille Alter", der Zeitvertreib beim Kartenspiel und das "Nickerchen" in wunderbarer Natur, der Bildband bietet ein wahres Füllhorn an Motiven und zeigt, mit welcher Virtuosität der Polizist Odermatt es verstand, den Film zu belichten.

Da reichen schon einmal vier abgefahrene Autoreifen, um das Vorrücken der Zeit und die Vergänglichkeit der Dinge ins Auge des Betrachters zu rücken, um dann den "letzten Schliff" an der neuen Schnellstraße ins rechte Licht zu rücken. Neben uralten, unsicher wirkenden Brücken und futuristischen neuen Bauwerken dann eine "Alkoholleiche" mahnend vor Augen zu stellen und, Zeichen der Zivilisation, zu zeigen, was ein Schild "Schuttabladen strengstens verboten" dem Menschen wirklich bedeutet (Nichts eben).
Fazit
Ein ganz hervorragender Bildband mit Vielfalt, Entwicklungen über die Jahre und, immer wieder, Menschen und Portraits, die, jedes Bild für sich, immer eine erkennbare Geschichte transportieren. Mal ernst, mal lustig, mal mit einem ironischen Augenzwinkern und mal als nüchternes Dokument. Nie aber langweilig.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 09. Mai 2017

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