Julie von Kessel: Altenstein

Altenstein

Verlag: Kindler Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-463-40677-0

Preis: 19,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 26. Juni 2017]
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Als 1945 zum Ende des Zweiten Weltkriegs die Rote Armee vorrückt, setzt in Königsberg Agnes von Kolberg ihren jüngsten Sohn in einen der letzten Züge in Richtung Westen und steigt selbst wieder aus. Zusammen mit Emma, die selbst noch ein Kind ist, wird Konrad in Sicherheit geschickt. Seine Erlebnisse auf der Flucht werden ihm lebenslang Alpträume bereiten. Diese Szene des Prologs hält den Spannungsbogen in Julie von Kessels komplexem Familienroman straff gespannt. Was nach der Schlüsselszene auf Gut Altenstein genau geschah, wird erst zum Ende der Handlung geklärt. Kuno von Kolberg war in zweiter Ehe mit Agnes verheiratet, der älteren Cousine seiner ersten Frau. Beide bringen Töchter aus erster Ehe mit in die neue Verbindung. Nach zwei weiteren Töchtern wird dem Paar der ersehnte Stammhalter Moritz geboren und als 10. Kind ein Nachzügler, Konrad. Die Familienverhältnisse der von Altensteins waren in jener Zeit nicht ungewöhnlich. Zweite und weitere Ehen wurden zur gegenseitigen Versorgung geschlossen; in Patchwork-Familien wuchsen "meine, deine und unsere Kinder" auf.

Agnes, die nach 1945 Obst und Gemüse anbaut, hält eisern an ihrem Titel als Gräfin und den Wertvorstellungen ostpreußischen Adels fest. Hauptsache man stammt aus ehemals angesehener ostpreußischer Familie, egal welch windige Gestalt sich hinter dem Titel verbergen mag. Die Rolle des Gesindes in Agnes Haushalt haben Töchter und Enkelin zu spielen. Ihre Söhne entwickelten sich zu komplizierten Persönlichkeiten. Moritz, studierter Forstwirt, gibt seinen Grafentitel ab und lebt unauffällig bürgerlich. Tochter Nona studiert zu ihrer Selbstfindung Psychologie, ihre Tochter Alexa verbringt viel Zeit mit Großmutter Agnes. Als eine Rückübertragung des durch die "Bodenreform" der DDR enteigneten Familiengutes möglich wird, schiebt Agnes Lieblingskind Konrad die Angelegenheit zunächst vor sich her. Den Vorsatz, eines Tages nach Altenstein in Brandenburg zurückzukehren, hat Agnes - anders als die jüngere Generation - während der Zeit der deutschen Teilung nie aus den Augen verloren. Die attraktive Lage des Familienbesitzes weckt nun Begehrlichkeiten in beiden Familienzweigen. Konrad hat ein unstetes Leben geführt, ohne begonnene Projekte je zu Ende zu führen. Aus dem pubertären Posen scheint er mit fast 60 noch nicht herausgewachsen zu sein. Als Geschäftsmann, der gern mit Adelstitel und Familienwappen wedelt, scheint Konrad der ideale Vermittler zu sein, um das Gut wieder in den Besitz seiner Familie zu übertragen. Das Nesthäkchen der Familie entwickelt Pläne, die ich ihm nicht zugetraut hätte. Die Ereignisse spitzen sich nach dramatischen Verwicklungen auf die Frage zu, wen der Vater zu Kriegsende als Erben eingesetzt hat. Welcher seiner Nachkommen heute über Kompetenzen verfügt, einen großen Grundbesitz zu verwalten, konnte Kuno Kolberg in den letzten Kriegstagen kaum voraussehen.

In einem raffiniert verschachtelten, rückwärts aufgerollten Plot werden die Lebenswege der Nachkommen Agnes und Emilie von Kolbergs aufgeblättert und mit einer humorvollen Pointe gekrönt. Julie von Kessel erzählt diese komplizierte Familiengeschichte mit Focus auf Konrad, Nona, Bobby, auf die Güter in Ostpreußen und Brandenburg und auf gemeinsame Erlebnisse. Rückblenden folgen keinem linearen Handlungsfaden, bis sich schließlich ein Mosaik der Ereignisse zusammensetzen lässt. Das zeitlich versetzte Auftreten der Figuren sorgt für Rätseln über Agnes Motive, bis die Ereignisse der letzten Kriegstage auf dem Tisch liegen.
Fazit
Geschwisterbande, Geschwisterstreit, alte Verletzungen und paranoide Sichtweisen Einzelner – "Altenstein" scheint als Familienroman mitten aus dem Leben einer großen Familie gegriffen zu sein. So ist es, genau so funktionieren Familien-Clans, habe ich beim Lesen oft gedacht. Wer hätte gedacht, dass ein Familienroman so fesselnd sein kann.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 11. März 2017

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