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Katharina Döbler: Dein ist das Reich

Dein ist das Reich

von Katharina Döbler
Verlag: Econ Ullstein List Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-548-06684-4

Preis: 13,99 Euro bei Amazon.de [Stand: 20. Juni 2024]
Bestens passend in die aktuelle Diskussion über den Kolonialismus

Es ist, neben anderen zentralen Problemen der Zeit wie Krieg und Klimakrise, eine der wesentlichen Diskussionen der Gegenwart. Das Beruhen des Wohlstands der westlichen Zivilisationen auf jahrhundertlanger Ausbeutung der sogenannten "dritten Welt", der ehemaligen Kolonien, des, man muss es so sagen, Raubes an Kultur, Rohstoffen, Menschen, Wirtschaftskraft und ständiger Destabilisierung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse an diesen Orten ob des eigenen materiellen Vorteils willens. Eine Haltung, die, schaut man genauer hin, auch in der Gegenwart joch durchaus verbreitet ist, nur verdeckter vielleicht abläuft oder anders genannt wird. Und bei der sich ein Teil der Protagonisten geändert haben mag.

Eine Geschichte der Ausbeutung und der "Umerziehung", besser gesagt, Unterdrückung der einheimischen Kulturen und Bräuche, bei denen Kirche, Christentum und Herrscher Hand in Hand vorgingen. Und eine Geschichte, die vielleicht Niederschlag in der eigenen Familiengeschichte gefunden hat? So zumindest der Ausgangspunkt dieses Romans von Katharina Döbler. Die ihre "Oma" eben nur als die "gute, disziplinierte, alles zusammenhaltende Oma" kannte. Teil der Familie, Hort der Geborgenheit. Als Kind und Jugendliche nicht hinterfragt. Nur um dann, ab einem gewissen Zeitpunkt, festzustellen, dass auch die "Oma" mal jung war, auswanderte, verliebt war. Aber, anders als die meisten anderen, an dieser Geschichte der Unterdrückung tatsächlich realen Anteil hatte. Zumindest mit dabei war. Als Begleiterin Ihres Ehemannes, der als "Südsee-Missionar" in Neu-Guinea zunächst eine jener, aus heutiger Sicht, unrühmlicher Karrieren seiner Zeit gestaltete. Und das nicht unbedingt mit christlicher zugewandter Nächstenliebe den Ureinwohnern jener Region gegenüber. Die ja generell kulturell und auch aus kühlen, wirtschaftlichen Interessen heraus als "Untermenschen" zunächst gekennzeichnet waren.

"….und ich fragte mich zum ersten Mal, was die Weltgeschichte mit meiner Großmutter zu tun hatte".

Nicht wenig, wird die Antwort im Buch sein. Die den Lebensweg von "Oma Linette" nachvollzieht und Leser und Leserinnen in ruhigem Tonfall, gründlich und mit viel Atmosphäre, ebenso wie Schaudern, mitten hinein in jene "Hoch-Zeiten" der Ausbeutung und der "christlichen Unterweisung" mit hineinnimmt.

"mein Großmutter war anders als alle anderen Menschen meiner Welt…….Sie weinte im Schlaf" - was nicht nur für die Großmutter gilt, wie der Stammbaum zu Anfang des Romans bereits zeigt. "Und genauso war meine Familie. Gezaust und irgendwie davongekommen, die erwachsenen erfüllt von einer tropischen Müdigkeit, die aus der Vergangenheit stammte" - eine Geschichte, die im Buch 1913 mit dem Aufbruch aus der alten Welt nach Amerika für Linette beginnt und Mitte der 40er Jahre mit dem "wegweichen" von verschiedenen Orten der Südsee zurück enden wird.

"Einen Monat später stand plötzlich ein Soldat in Christines Klassenzimmer und erklärte den Kindern der edelsten Rasse der Welt: Wir haben euch befreit!" - was eher für deren Gegenpart, den Menschen um sie herum am fremden Ort, wohl zugerufen werden sollte zu diesem Zeitpunkt im Buch.
Fazit
Wobei Döbler all dies durchaus differenziert erzählt und die Prägung, die wenigen Möglichkeiten der Familien in der Provinz in Deutschland jener Zeit mit anführt und damit ebenso die Mentalität der "Normalität" der christlichen Mission vor Augen führt, die heutzutage kaum mehr vorstellbar ist in Deutschland oder Europa, durchaus aber von großen amerikanischen Freikirchen, anders als damals, und dennoch weiter praktiziert wird.

Was als Hintergrund eben jenes Leid, dass die "guten Absichten" für so viele Menschen in fernen Ländern mit sich brachte, bestens in den Kontrast setzt und den Leser und die Leserin trotz des sehr ruhigen Erzähltons von der ersten bis zur letzten Seite in der Lektüre hält.

Ein sehr empfehlenswertes Buch.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Lesefreund [Profil]
veröffentlicht am 19. April 2023

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