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Lena Gorelik: Wer wir sind

Wer wir sind

von Lena Gorelik
Verlag: Rowohlt [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-7371-0107-3

Preis: 22,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 22. September 2021]
Als Lena Goreliks Familie in die Bundesrepublik aussiedelt, ist sie 11 Jahre alt. Aus der klugen Schachspielerin, die schon früh angehalten wird Denken zu lernen und ihre Zeit nicht zu verschwenden, wird ein Flüchtlingskind aus dem Übergangswohnheim. 2004 hat Gorelik in "Meine weißen Nächte" die unvergessliche Szene dokumentiert, wie ihre Mutter – kaum in Deutschland angekommen - dafür kämpft, dass Lena eine normale deutsche Grundschulklasse besuchen kann, weil sie die Anforderungen in einer Übergangsklasse für zu gering hält. Die Schülerin von damals, die sich mit Anfang zwanzig in ihrem ersten biografischen Text "aus dem Fremdsein heraus schreibt", ist heute selbst Mutter. Das Aufwachsen ihrer eigenen Kinder mit Deutsch als Muttersprache lässt wie unter dem Vergrößerungsglas Goreliks eigenes Verpflanztwerden in eine andere Kultur hervortreten, in der Eltern wieder zu Kindern wurden, angewiesen auf ihre Kinder als Dolmetscher. Am kontroversen Begriff der Freiheit lässt sich miterleben, wie Eltern und Tochter sich zusammen mit der Bedeutung erst erarbeiten, was in diesem neuen Staat erlaubt oder verboten ist.

Gorelik gibt in diesem Band all dem breiten Raum, das ihre Eltern und ihre Großmutter in Russland zurücklassen mussten. Das Schicksal des Opas, der als "Blockadekind" während der deutschen Besetzung Leningrads gehungert hatte, prägte die Familie bis in die Gegenwart. Ebenso der Vater, der nicht zum ehemaligen Kriegsgegner ziehen wollte, die Mutter, deren Berufsabschluss in Deutschland nicht anerkannt wurde, die Großmutter, die irgendwann alle russischen Bücher der Stadtbücherei ausgelesen hatte und ohne den Gemüsegarten ihrer Datscha leben musste. Sehr berührt hat mich als Mutter Goreliks Leben mit zwei Sprachen und wie in jeder der beiden Sprachen Begriffe und Empfindungen unübersetzbar bleiben. Begreifbar wird hier, wie die Autorin jeweils die Sprache auswählt, die ihr für einen gewünschten Kontext präziser scheint und ihr "am besten gehorcht". Stärker jedoch als das Herz der beiden Sprachen unterscheidet die übersiedelten Eltern und die als Autorin erfolgreiche Tochter heute das Temperament, mit dem sie ihr Leben anpacken. Neben der Schnittstelle zwischen ihrer eigenen Muttersprache und der Sprache, in der Lena Goreliks Kinder aufwachsen, geht es hier um das Abnabeln der zweiten Generation aus einer Familie, die ihre Pläne nur verwirklichen konnte, weil jeder für das Projekt Aussiedlung seine persönlichen Glücksvorstellungen hinter die Interessen der Familie zurückstellte.
Fazit
Lena Goreliks Erinnerungen springen zwischen ihrem Leben als Autorin und Mutter heute, ihrer Familiengeschichte und dem Aufwachsen mit zwei Sprachen. Ein wichtiges Zeitzeugnis in einer Gesellschaft, die gern verdrängt, dass sie eine Einwanderungsgesellschaft ist.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 05. August 2021

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