Katharina Höftmann-Ciobotaru, Waldemar Zeiler: Unfuck the economy

Unfuck the economy

Verlag: Goldmann Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-442-31595-6

Preis: 15,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 05. Dezember 2020]
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Leidenschaftlich, aber sehr polarisierend

Es ist eine eher einfache Beobachtung, welche die Autoren zugrunde legen bei Ihrem Resümee des "Corona-Schocks". Wenn ein privater Mensch im Lauf seines Arbeitslebens Geld verdient, so ist er gehalten, Rücklagen zu bilden (so überhaupt möglich), um für das "Alter" oder für "schwere Zeiten" vorzusorgen. Die "guten Jahre" bilden damit das Rückgrat für die "schlechten" Zeiten. Anders in der globalen Wirtschaft und auch in Deutschland: Kaum kommt das System (zugegeben, massiv) unter Druck, muss die Allgemeinheit mit Ihrem Steueraufkommen geradestehen, um der Wirtschaft "über die schlechte Zeit" zu helfen. Warum bilden sich dort keine ausreichenden Rücklagen angesichts eines Jahrzehnts intensiver Steigerung der Geschäfte"?

Eine Beobachtung, welche die Autoren nun zum Anlass nehmen, leidenschaftlich, teils auch scharf in der Sprache, einen radikalen "Umbau" des Systems zu fordern. Was einerseits glasklar durch die polarisierende Sprache dem Leer vor Augen gestellt wird, was aber hier und da auch als übertrieben bewertet werden könnte und damit einer Reihe überzeugender Analysen der Autoren und klarer Forderungen die "reale Umsetzung" zunächst erschweren könnte. "Dabei ist das Buch eine Streitschrift und keine detailliert ausgearbeitete Transformationsschrift" - das eben gilt es bei der Lektüre zu beachten.

Dennoch lohnt es ungemein, sich diesem werk zu nähern. Alleine schon in der Frage, das eigene Konsumverhalten kritisch zu reflektieren. Was gar nicht dogmatisch gemeint ist, sondern eine wichtige Frage ist, inwieweit sich jeder Einzelne bereits "im Netz" der "kleinen und großen Belohnungen" verfangen hat, die das aktuelle System unbedingt braucht, um Konsum-Wachstum zu erzeugen und damit das eigene Geschäftsmodell und den Zwang nach Rendite zu befördern. Es geht Zeiler als Unternehmer, der aus vielfacher persönlicher Erfahrung heraus formuliert, dabei weniger um eine "Abschaffung", sondern viel eher um eine "Weitung des Blickes" und das Setzen von Werten auch neben die reine Rendite der Wirtschaftlichkeit.

"Dass wir diesen Tunnelblick (auf Erfolg und Wirtschaften allein) weiten müssen, das ist die Kernbotschaft des Buches", so formuliert es das Vorwort und so trifft es zu. "Sie spielen uns eine Scheinwelt vor, in der Daten und Finanzen die wichtigsten Zutaten zu einer erfolgreichen Wirtschaft zu sein scheinen – auch wenn niemand davon satt wird".

Das es auf einem begrenzten Planeten kein unbegrenztes Wachstum geben kann, dass daher die Fixierung auf Rendite zugunsten eines ruhigen und nachhaltigen Wirtschaftens aufgegeben werden sollte und damit für den Menschen andere Interessen und Werte eben auch (nicht alleine nur natürlich) wieder in den Blick rücken sollten, statt der Fixierung allein auf materielle Werte, das ist die konstruktive Richtung, die Zeiler dabei durch das Buch hindurch verfolgt. "Prinzipien wie "Eigentum verpflichtet", umgesetzt durch ehrbare Kaufleute, müssen wieder im Vordergrund stehen". Was im Übrigen keine Fantastereien sind. Zeiler führt immer wieder Beispiele (wie z.B. die neue Ausrichtung der Stadt Amsterdam aktuell) an, die zeigen, dass es geht, wie es geht und das an manchen Orten die Signale der Zeit verstanden worden sind.
Fazit
Auch wenn in keiner Weise ein einfacher Weg beschrieben wird und auch schnelle Erfolge nicht einfach so möglich sind, bietet Waldemar Zeiler doch vielfachen Stoff, der anregend und nachdenkenswert traditionelle Werte des Wirtschaftens neben neue Ideen stellt und damit die marktliberalen Formen der Wirtschaftsideologie der letzten zwanzig Jahre überaus kritisch bewertet zurücklässt.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 20. November 2020

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