Max Annas: Morduntersuchungskommission

Morduntersuchungskommission

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Krimi
ISBN-13 978-3-498-00103-2

Preis: 20,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 23. September 2019]
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Das Buchcover zeigt die abgegriffene Fallakte eines Mordfalls in der Deutschen Demokratischen Republik, zusammengehalten von einem Gummiband. Auch wenn heute gern behauptet wird, in der ehemaligen DDR habe es weniger Kriminalität gegeben als im Westen, gab es dort Kapitalverbrechen. Otto Castorp von der Morduntersuchungskommission in Gera ermittelt 1983 im Fall eines Toten, der - unvorstellbar zugerichtet - an der Bahnlinie Jena-Saalfeld gefunden wird. Der Tote ist ein zunächst unbekannter Schwarzer. Wenn ausländische Kontingent-Arbeiter von der übrigen Bevölkerung abgeschottet in Wohnheimen leben, sollte nichts leichter sein, als dort nach einem Vermissten zu fragen. Castorp und seine Kollegen haben jedoch Anweisung, Aufsehen zu vermeiden, was ihre Ermittlungen unnötig behindert. Der Tote wird schließlich vom Pförtner seines Wohnheims als Kontraktarbeiter aus Mosambik identifiziert. Teo Macamo ist alles andere als ein Unbekannter, er hatte eine deutsche Freundin. Während Otto noch grübelt, wie an einer Bahnlinie ein solch brutales Verbrechen ohne Augenzeugen geschehen kann, wird über seinen Kopf hinweg auf Anweisung der Staatssicherheit das Verfahren eingestellt. Otto kann nicht glauben, dass sein Staat wagt, auf internationaler Ebene einen Mord zu vertuschen.

Mit einer außerehelichen Beziehung leistet sich der gerade 30-jährige Ermittler ein kompliziertes Privatleben, das durch Kinderbetreuung und die unregelmäßigen Arbeitszeiten beider Partner ohnehin kompliziert genug ist. Otto spielt bewusst mit dem Feuer in einer Gesellschaft, in der die Nachbarn alles sehen, alles weitergeben und in der von einem Polizisten Korrektheit im Privatleben erwartet wird. "Die Familie ist die kleinste Zelle der Gesellschaft." Sollte Ottos Affäre auffallen, kostet ihn das mit dem beruflichen Status zugleich seine Privilegien. Er und seine Angehörigen werden auf Wartelisten für Ferienplätze oder einen PKW vom bevorzugten vorderen Platz für Polizisten nach hinten verschwinden und von Quellen abgeschnitten sein, die die Familie per Tauschhandel mit knappen Konsumgütern versorgt. In dieser Ausgangssituation entscheidet Otto sich dafür, allein inoffiziell im Fall Macamo weiter zu ermitteln. Otto leistet grundsolide Ermittlungsarbeit, stets auf dem Präsentierteller und in Gefahr selbst denunziert zu werden. Das vertraute Weltbild seines Staates, das ihm privat und beruflich bisher vermittelt wurde, gerät dabei kräftig ins Wanken. Nicht nur im Fall Macamo wird die Kriminalitätsstatistik kräftig geschönt, auch weitere Todesfälle des Jahres 1983 werden verdächtig eilig als Unfall oder Selbstmord abgelegt. Für Otto ist nicht zu übersehen, dass die offizielle Kriminalstatistik Kapitalverbrechen vertuscht, darunter auch explizit ausländerfeindliche Straftaten.

Max Annas schickt einen zunächst alterslos grau wirkenden Kriminalbeamten ins Krimi-Genre, der im Laufe der Ermittlungen das offiziell vertretene Weltbild der DDR revidieren muss. Ottos Berufsehre und sein Stolz auf seinen Staat machen ihn in diesem Staat zum Querulanten. Neben Ermittlungen, die aus politischem Kalkül gedeckelt werden, und offen vertretener Ausländerfeindlichkeit erleben Max Annas Leser anschaulich die Last des Alltags in einer Mangelwirtschaft mit. Wer hat welche Konsumgüter erhalten und woher, diese Frage bestimmt private Gespräche und reduziert letztlich menschliche Beziehungen auf ihre Nützlichkeit. Die mangelhafte Versorgungslage als leistungshemmender Zeitfresser finde ich neben vielen anderen Details auf den Punkt getroffen. Die und wir, diese Abgrenzung durchzieht - gerade höchst aktuell - die Handlung wie ein roter Faden und sie begründet das Wegsehen und Beschönigen, das Otto Castorps Ermittlungen behindert.
Fazit
"Morduntersuchungskommission" rückt Morde aus rechtsradikalen Motiven zu DDR-Zeiten in den Focus zurück, die vielen erst nach der Wiedervereinigung bekannt wurden, und zeigt eine Fülle von Details aus dem DDR-Alltag. Sprachlich gibt Max Annas Kriminalroman Einblick in verschiedene Milieus, hier ist u. a. das deutsch-deutsche Glossar aufschlussreich. Er zeigt wie staatliche Willkür Menschen "zusammenfaltet" und besonders eindringlich die Kosmetik offensichtlicher Missstände.
Volle Punktzahl und meine überzeugte Empfehlung!
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 23. Juli 2019

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