Dieter Thomä: Puer robustus

Puer robustus

Verlag: Suhrkamp Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-518-29875-6

Preis: 28,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 17. Februar 2019]
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An der Schnittstelle von Ordnung und Störung

"Der puer robustus schlägt zu, eckt an, begehrt auf. Er spielt nicht mit, gibt nicht klein bei, handelt auf eigene Faust, verstößt gegen Regeln".

Mithin, liest man die ersten Worte der Einleitung, erinnert dies den Leser umgehend an die seit Jahren anhaltenden Diskussion über das Männerbild, ebenso wie an vielfache Diskussionen über Jungen an Schulen, die in Gefahr geraten, gesellschaftlich von den Mädchen abgehängt zu werden, weil eben das Raue, Robuste, Handgreifliche, zumindest ein stückweit, mit zur Entwicklung von Jungen hin zu jungen Männern gehört. Ein "Störenfried" also, der "den Frieden stört" und, in diesem Sinne, gibt es nicht wenige, nun weitgehend männliche Wesen, die jene "Handgreiflichkeit" und jenes "Aufbegehren", dass schon zu Grundschulzeiten störend wirkt, auch im erwachsenen Leben nicht anlegen (hierzu sei der Epilog des Werkes überaus empfohlen, in dem Thomä fundiert, ein wenig mit Humor, vor allem aber überaus treffend sich dem konkreten und praktisch vor Augen stehenden Beispiel eines Donald Trump zuwendet. Nicht das einzige, praktische Beispiel im Buch, aber doch sehr plakativ, was die Praxis des "puer robustus" im Leben angeht.

Dass dies aber nicht einfach als "spätpubertär" abgetan werden sollte und kann, dass der "Revoluzzer", der "nicht-angepasste" Mensch durchaus wertvolle und intensive Impulse für eine Gesellschaft zu geben vermag, dass es immer, gerade in der politischen Philosophie, auch um die Balance zwischen nicht-angepasstem Verhalten und damit Progression einerseits geht, während anderseits ebenso starke Kräfte für "Ruhe und Ordnung" eintreten, das liest sich in diesem breit angelegten Werk sehr interessant und bietet einen ebenso erkenntnisreichen roten Faden durch die Philosophiegeschichte im Blick auf den "puer robustus", beginnend bei Thomas Hobbs und dessen Definition.

"Er hat das Zeug dazu, eingespielte Denk- und Handlungsmuster zu verschieben und die ganze Szene zu verwandeln".

Was einerseits durchaus ja als positiver Impuls je verstanden werden kann, mit der Gefahr allerdings, eines reinen "kaputt-machens" um des eigenen Egos wegen. Ob nun ein solcher "Störenfreid" letztlich befruchtend oder bedrängend wirkt, dass, so legt Thomä ebenfalls offen, ist auch eine Frage der Umstände und der gesellschaftlichen Stabilität. Was für die Gegenwart ein eher schlechtes Licht auf jene Stabilität wirft, schaut man an, wie weitereichend "robuste Jungen" die Weltpolitik in eine nicht mehr förderliche, sondern gefährliche Schieflage bringen.

So erklärt sich unter anderem auch, mit welchen Bezeichnungen solche Charaktere benannt werden. Barbar oder Narr, Trittbrettfahrer oder Künstler, Dickschädel oder Leichtfuß, Räuber oder Retter, es liegt eben nicht zuletzt im Auge des Betrachters (und natürlich der konkreten inhaltlichen Ausrichtung des Störenfrieds), unter welche Kategorie solche einsortiert werden. Widersprüchlich und widerspenstig, diese Kerneigenschaften verhindern es ebenfalls, eine saubere Kategorisierung vorzunehmen, den "puer robustus" allein schon begrifflich genau zu differenzieren.

"Der puer robustus ist unterwegs, er weiß nicht, wo er morgen sein wird und wer er morgen sein wird". Genau das macht ihn ja so unberechenbar, gefährlich und wertvoll zugleich. Was Thomä durchaus geschickt durch die Einführung der Kategorien "Störenfried" (mit durchaus positivem Anklang" und "massiver Störenfried" (im Bereich des Radikalen, des völlig Un-Empathischen, des "Ich" gegen den Rest um jeden Preis). Wobei im Gesamten Thomä doch eine nicht zu knappe Lanze für eine positive Betrachtung von "Störenfrieden" bricht, ohne in Abrede zu stellen, dass ab dem Überschreiten einer bestimmten Grenze klarer Widerstand gegen rein egomanen Populismus und Verhalten richtig und nötig ist.
Fazit
Eine breite und fundierte philosophiegeschichtliche Herangehensweise, in der die Grenze zwischen Ordnung und Störung erfasst und inhaltlich dem Leser die Psyche und die gesellschaftliche Bedeutung jener "robusten Jungen" umfassend erläutert wird.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 05. Februar 2019

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