Erri de Luca: Den Himmel finden

Den Himmel finden

Verlag: Econ Ullstein List Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-471-35171-0

Preis: 17,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 30. September 2020]
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Sachte, tiefe, sprachlich wunderbare Annäherung an das Heilige

Es ist ein Dorf der alternden Männer. Da in den Bergen Italiens. In dem der Erzähler lebt. Vor sich hin macht. Ein wenig schnitzt, hier und da etwas restauriert, der Frau hinterhertrauert, die ihn verlassen hat (was er nicht zu sehr an sich heranlassen möchte, verständlicherweise).

"Ich schnitze Namen für die beharrlich Verliebten, die sie lieber in Äste oder Stein geritzt sehen, statt als Tätowierungen... Geblieben ist mir die Bewunderung für Künstler, ein Zuschauergefühl, nicht das eines Kollegen".

Und noch etwas ergibt sich als Aufgabe. Fremde kommen, mehr und mehr. Auf der Flucht, mit Geld, auf dem Weg "in die gelobten Länder" hinter den Bergen. Der Bäcker, der Schmied und er kennen die Wege. Die schnellen für die Kräftigen, die weiteren Wege für die Schwächeren. Teuer, aber sicher. Wobei der Erzähler diesen "Schmuggel" auf ganz eigene Weise ich am Ende selbst honoriert. Aber, wie das so ist, wenn man es still für sich anders als die anderen macht, wenn man dieses "Gute" in sich trägt, auch wenn durch Kummer angebrochen ist, es fällt auf einen zurück in der modernen Welt. So sehr, dass der Erzähler das Dorf zu verlassen hat.

Ebenso knorrig und still für sich geht er einfach. Aus dem Dorf, dass er nie zuvor verlassen hätte. Und sucht einen Auftrag. Den er in ganz anderer Weise findet, als er je zuvor gedacht hätte. Eine Skulptur, ein Meisterwerk, aufgrund einer anstößigen Darstellung schon seit Langem "verhunzt" soll in den Ursprung gebracht werden. Und er, der, der keinen persönlichen Gott kennt, vertieft sich in das Werk, die Skulptur, den Künstler, der es gewagt hat, mit einer kleinen, aber massiven Geste die Qual, das Verrecken am Kreuz und die zutiefst körperliche Reaktion darauf in Marmor zu meißeln. Was nun nachzubilden, zu restaurieren ist.

"Es ist ein plötzlicher Antrieb im Blut. Diese Barmherzigkeit verdankt sich keiner Bitte. Sie ist nicht die Nächstenliebe eines Almosens... die Figur bittet mich nicht... aus eigenem Impuls überwinde ich die Distanz des Zuschauers und komme näher".

Und wie de Luca dies alles beschreibt, trifft er genau den richtigen Ton. Für den modernen, sich selbst entfernten Menschen. Kein Pathos, keine großen, göttlichen Eingebungen, keine Form der Predigt ist es, die de Luca um diesen namenlosen Erzähler herum sorgsam, mit jederzeit festem Tritt und geerdet Seite für Seite aufbaut. Dass da eine "Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit" ist, die nur im eigenen Inneren gefunden werden kann, dass ein Kunstwerk, genau in dieser Perfektion ausgeführt, genau mit dieser rauen "Gänsehautmarmorierung" (es ist kühl am Kreuz mit all dem Angstschweiß) "einen kommen lässt", "einen dahinzieht". Langsam, ruhig, sachte.

Wie auch seine Wege mit den Flüchtlingen nicht aufdrängend endenden, immer entfloh er der Situation mit auf die Ohren gepressten Händen. Er, der nicht an eine Gottheit glaubt, sondern an einen Vertreter der menschlichen Spezies. Dem heilig ist, für was ein Mensch bereit zu sterben ist. Der sich findet im Werk des anderen und, am Ende, endlich genau jene innere Haltung finden wird, selbst "Hand anzulegen" und damit Frieden und Freiheit im Herzen findet. Was de Luca alles passgenau in jedem Wort in de ruhigen, kurzen, eher dokumentarisch denn übertrieben poetischen Sprache präzise für den Leser emotional nachvollziehbar gestaltet und damit den Leser mitten hinein nimmt in dieses existenzielle Frage, dass das Heilige immer nur mit dem Barmherzigen zusammen auftreten kann. Und wie das gehen würde.
Fazit
Eine wunderbare Lektüre.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 29. Mai 2018

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