Tracey Chevalier: Der Neue

Der Neue

Verlag: Albrecht Knaus Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-8135-0671-6

Preis: 18,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 18. Mai 2018]
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Liebe Haß und "draußen stehen"

"Mit Dees Verschwinden änderte sich alles; es war, als hätte sich eine Wolke vor die Sonne geschoben. Sofort überschlugen sich die Stimmen"

Wer nun aber den Original "Othello" im Hinterkopf hat (und Chevalier lehnt sich in ihrer, in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts in den USA spielender Geschichte eng an Shakespeare an) und das "klassische Ende "Othello ermordet Desdemona und wählt dann den Freitod), der wird doch einen etwas anderen Ausgang der Geschichte erleben. Was aber am Ende doch der Intention des Originals entsprechen wird. Denn, neben der Macht der Liebe und, vor allem, der zerstörerischen Kraft der Eifersucht, dreht und wendet sich "Othello" wie "Der Neue" um die perfide Intrige.

Um das "anders sein", das an sich bereits zu Ablehnung führt, und sei sie lange Zeit noch so gut verborgen. "Zorn, Verachtung, Angst, Arglist". Das sind Gefühle und Zustände an der, zunächst so "ordentlich" wirkenden Schule, auf die der junge, schwarze Osei, aus gutem Haus, Diplomatensohn, zu Beginn des Werkes seinen ersten Schultag antritt. Im Bemühen, von Beginn an, sich zu integrieren. Im Wissen, dass er auf Dauer wenig Chancen als Fremder und dunkelhäutiger Mensch unter all diesen einander gleichenden Jugendlichen haben wird.

Doch die Dinge entwickeln sich, eigentlich von Beginn an, anders als sich Osei das vorgenommen hätte und Ian ("Jago") und er, Osei ("Othello") sind als gegnerische Pole gesetzt. Wobei Ian so gut wie alle Vorteile auf seiner Seite hat. Recht skrupellos für einen eigentlich noch kleinen Jungen, mit intuitiver Sicherheit mit den Gefühlen und Reaktionen der anderen spielend und ob der, gerade zum Ende hin, wenig ausgeprägten Beherrschung Othellos sich schon auf der Zielgeraden wähnend. Doch ganz so einfach werden es ihm die anderen, auch die Lehrer, am Ende nicht machen. Obwohl er die "Hauptverbündete" Oseis, Mimmi, zunächst in letzter Sekunde außer Gefecht setzt.

Doch egal, was sich ergibt, was passieren könnte, wer was weiß und auch dazu stehen würde, die für Osei wichtigste Person, Dee selbst, hat er am Ende selber von sich weggestoßen. Unbedachte, verletzende Worte aus eigener Verletzung heraus, die am Ende nur auf Behauptungen, Einflüsterungen, geschickten Arrangements seines Kontrahenten bestehen werden, fordern einen dramatischen Tribut. Ein Ian, der bis zum Ende seine Intrigen weiterspinnt, der sich aus jeder Schlinge herauszureden und herauszuwinden weiß, den Neid, Eifersucht, Bösartigkeit an sich treiben.

"Warum hast du das getan"?
"Weil ich es kann"!

Das es dabei um "Stift-Mäppchen" geht, dass eine Horde Kinder das alles untereinander erlebt, dass manches doch stark aufgebauscht wirkt in der eher erwachsenen Sprache, die Chevalier benutzt, das führt zwar zu Irritationen. Der eigentliche Kern aber, wie Machtkämpfe, die spitze, lügnerische Zunge, die Macht der Emotionen ganze Leben zerstören und Menschen, zumindest ihrem inneren Gefühl nach, chancenlos dastehen lassen, das hat Chevalier schon wunderbar in diesem Jugendroman auf den Punkt gebracht. Und niemand ist am Ende unschuldig.

""Ich wusste nicht, dass er es gegen dich verwenden würde". Was nicht ganz der Wahrheit entsprach…….(es) war ihr schon klar gewesen, dass er damit nur Böses im Schilde führen konnte".

Da hilft es auch nicht weiter, wenn einer der Beteiligten Osei mit einem "Komm da runter, Nigger" versucht, den Jungen in "Rechenschaft-Nähe" zu bekommen, wieder aus einem Missverstehen des eigentlichen Geschehens heraus.
Fazit
Flüssig, sprachlich interessant und Intrige, Liebe, Eifersucht und gedankenlose Leidenschaft als Grundthemen menschlichen Seins aufnehmend ist dies eine durchaus gelungene Adaption des "Othello", das den Leser an die Absurdität rassistischer Vorurteile nachhaltig erinnert.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 08. Mai 2018

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