Dasa Drndic: Belladonna

Belladonna

Verlag: Hoffmann und Campe [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-455-00275-1

Preis: 24,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 21. Mai 2019]
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Düster und anstrengend

Kein gutes Haar lässt Drndic seinen Protagonisten an seinem (ehemals) beruflichem Umfeld, an seinem welkenden Körper, am Zustand der Welt (konkret in Jugoslawien, zur Zeit des Krieges und in der Gegenwart) und, vor alle, an sich selbst und dem eigenen Leben lassen. Was nicht einer Art depressiven Veranlagung geschuldet wäre, sondern sich, Seite für Seite, ernüchternd aus der Ich-Erzählung des Romans aus Sicht des Andreas Ban als fast "nackte Fakten des Lebens" den Raum des Buches betreten.

Die Wirbelsäule. Dieses Ergebnis eines Ultraschalls danach. Die Erinnerungen aus den Kriegsjahren. Die ehemalige "Weitung der Welt" des gelehrten, echten Intellektuellen, des Professors Andreas Ban, der zum Ende seiner Tage hin doch wieder am Ausgangspunkt landet, provinziell wieder lebt und düster bemerkt, wie ineffektiv, ja fast sinnlos so vieles an Worten, Sitzungen, Denken am Ende war.

Ein Roman aber auch, der die Härten des Lebens, den tödlichen Verlust von Lieben, den Verfall des eigenen Körpers (und vor allem des eigenen Willens) auf den Punkt bringt. In einer treffenden, aber in der assoziativen Form des "hin- und her Springens" der Gedanken des Andreas Ban auch teils überaus anstrengenden Lektüre. Die vielfach aus Reflexionen besteht, denen eine fortlaufende Geschichte, Handlungen, Erlebnisse, denen der Leser sich mit anschließen könnte, nur phasenweise zur Seite stehen.

Und zudem, einfach ist es ebenfalls atmosphärisch nicht, diesen stetigen "inneren und äußeren Abgrund" durchgehend zu lesen, Pausen braucht es teils fast zwingend, da sonst die eigene Welt beginnen könnte, sich "einzutrüben". Denn keines der Themen, die Andreas Ban freiwillig oder notgedrungen bewegen, setzt ein Hoffnungszeichen an den Horizont. Weder der Schwager, der in einer Nervenheilanstalt sitzt und sich "multiplen Persönlichkeiten" ergeben hat, noch der Blick in die Vergangenheit jener Kriegsjahre, in denen soviel des alten Jugoslawiens zerstört wurde.

Sein Beruf? "Diese Fakultät, die wie jede Philosophische Fakultät eine intellektuelle Elite ausbilden sollte, produziert vor allem Duckmäuser, die sich in ihren Mauselöchern vermehren, viel reden und wenig sagen. Nicht ein Laut ihres leisen Gemurmels dringt aus den Hörsälen nach draußen". Wobei, auch das seine Meinung, das "da draußen" eh keinen interessieren würde im Hamsterrad der "Konsum-Welt".

"…bildet sich viel auf ihre originären Beiträge zur Literaturwissenschaft ein, fabriziert aber nur belanglose Aufsätze zu literarischen Werken….und mit ihrer Interpretation liegt sie immer daneben".

Und er selbst? Seine Meinung interessiert nicht mehr. "Sie sind Geschichte. Einfach, weil sie bald weg sind und ich bleibe", so ruft es ihm in drögen Besprechungen entgegen. Und doch, gerade weil ihn die Gesundheit einholt, gerade weil ihm finanzielle Mittel fehlen (schon für neue Schuhe reicht es kaum, für Zerstreuung noch weniger), ist sein Inneres der einzige Ort, der ihm bleibt, in den er mit Grauem versinkt. In all diese blutigen Momente des Jahrhunderts. In die verstorbenen, geliebten Menschen. In dieses "Ausgeschieden werden" von der Welt, dass Tausende von Ideen inzwischen gesehen, gelesen, verworfen und am Ende doch nur nach niederen Motiven hin ausgerichtet diese Welt geformt, getreten und bewegt hat.

Die "Kraft des Geistes"? Aber nein, immer klarer wird ihm die unwichtige Rolle all dessen, was da an Universitäten eifrig, aber immer auch angepasst, gedacht und beredet wurde. "Andreas Ban hat sich ausführlich mit dem Ende der Intellektuellen beschäftigt und darüber publiziert". Wie immer ohne Folgen, natürlich. "Ein Vermeidungstheater, das auf Klischees beruht".

Harte Urteile, breite Hoffnungslosigkeit, ein fast vernichtender Blick auf die gerade erst kurz zurückliegende Geschichte, dunkel und düster. Aber, das muss gesagt werden, eine Sicht auf die Welt, die ihr Recht hat. Die nicht verbrämt, die nicht Optimismus um jeden Preis predigt, sondern sich mit Versagen, Diktatur und Vergänglichkeit offen und offensiv auseinandersetzt.
Fazit
In Form und Stil und Inhalt ein sich zu erarbeitender Roman, der nicht sonderlich gut unterhält, sondern den Leser mit den düsteren Seiten des Mensch-Seins, dem brachialen Mord an Millionen Juden im zweiten Weltkrieg und mit einer tiefen Sinnlosigkeit des intellektuellen Schaffens konfrontiert. Das aber in dieser Form hervorragend, emotional schwer erträglich, in Szene setzt.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 02. Mai 2018

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