Mareike Schneider: Alte Engel

Alte Engel

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-498-06450-1

Preis: 22,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 25. September 2020]
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Franka Raben bringt ihre Katze Käthe im Korb mit, obwohl ihre Großmutter keine Katzen mag. Die Kunststudentin muss Wartezeit für ein Stipendium überbrücken und will in dieser Zeit ihren Vater bei der Pflege ihrer Großmutter unterstützen. Nach einer Reihe von Zivildienstleistenden hat er die Versorgung seiner schwerkranken Schwiegermutter übernommen. Für beide ist die Situation peinlich; und als multimorbide Patientin könnte Oma Maria inzwischen durchaus Zeichen von Demenz zeigen. Trotz ihrer schweren Krankheit zeigt Maria noch immer Stil und will die Rolle der Patriarchin nicht abgeben.

Franka fremdelt anfangs in Omas Haushalt, obwohl sie als Kind so gern hier war. Zumindest ihren Vater kann Franka aufmuntern, der sich von der schwierigen Patientin ausgenutzt fühlt und nicht glauben will, dass sie so schwach sein kann, wie sie sich gibt. Franka muss ihren Traum von der Künstlerkarriere auf den Prüfstand stellen, der für jemanden aus bescheidenen Verhältnissen wie sie und ohne nützliche Beziehungen vielleicht zu hoch gegriffen ist. Wie soll sie im Mittelmaß erkennen, ob sie mehr als dieses Mittelmaß leisten kann?

Während ich mich als Beobachter von außen noch fragte, wie Franka und ihr Vater in einem winzigen Häuschen irgendwo auf dem Dorf die Pflege einer Schwerkranken meistern werden, zeigt sich Maria als harter Brocken. Sie verfällt zunehmend in den knarzenden, schwer verständlichen Dialekt ihrer vogtländischen Heimat und macht mit ihrer Nörgelei ihren Betreuern das Leben schwer. Doch aus der Wiederholungsschleife von Marias Erinnerungen entfaltet sich eine charakteristisch ostdeutsche Familiengeschichte. Oma Marias Vater war Maurer; sie stammt aus einfachen Verhältnissen, in denen ein Mädchen sich eine Ausbildung erst erkämpfen musste. Ihr Leben lang hat sie die Krümel zusammenkratzen müssen und stets den Mund halten gegenüber Höhergestellten, um zu überleben. Ihre in schlechten Zeiten ausgebildete Eichhörnchen-Mentalität wird Marias Generation nicht wieder ablegen. Bis heute erinnert sie sich an Szenen aus dem letzten Kriegsjahr, an Berge von toten Soldaten. Frankas Mutter wurde zu DDR-Zeiten ein Studienplatz als Lehrerin zugeteilt. Erst als ihr Vater Dachziegel gegen ihren Wunsch-Studienplatz eintauscht, kann sie Kunst studieren, um später als Museumsführerin zu enden. Auch Frankas Vater kann seinen Traum nicht leben, als Kunsthistoriker den alten Glanz seines Landes zu erforschen, um ihm neuen Glanz zu verschaffen. Er verbringt Jahre in der SU der Gorbatchow-Zeit und wirft seinen Dozentenjob schließlich hin. Von Maria in ihrer abweisenden Art hatte ich am allerwenigsten erwartet, dass sie noch am Ende ihres Lebens Einblick in ihre Familiengeschichte zulassen würde. Anekdoten zeigen sie als ausgesprochen humorvolle Person, die sogar den Stasi-Mann veralberte, der sie anwerben wollte. Für Franka erweist sich die Zeit mit Maria als unerwartete Verschnaufpause, in der sie einmal nicht über ihre Zukunft nachdenken muss und ihren Vater mit anderen Augen zu sehen lernt.

In der Gegenwart kündigt sich ein gewaltiger Schneesturm an, so dass die Pflegenden entscheiden müssen, ob sie Maria im Krankenhaus lassen oder sich darauf einrichten wollen, länger von Hilfe von außen abgeschnitten zu sein.
Fazit
Mareike Schneider erzählt sprachlich originell die Anti-Weihnachtsgeschichte einer Sippe aus der ehemaligen DDR. Am Ende sind West-Lametta, Ost-Christbaumspitze und die neunerlei Schnittchen aus Marias Heimat vereint, die Gästen Glück bringen sollen.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 16. März 2018

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