John Banville: Sonnenfinsternis

Sonnenfinsternis

Verlag: Kiepenheuer & Witsch [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-462-03135-5

Preis: 21,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 19. November 2018]
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Wort-Rausch mit Tiefgang

Einmal Schauspieler, immer Schauspieler, könnte man sagen.

"Ich war es gewohnt, Rollen zu spielen". So Alexander Cleave, Protagonist und Ich-Erzähler dieses bildkräftigen, sprachverliebten Romans von John Banville. Ein Mann, zunächst ein Rätsel, der anscheinend "mittendrin" sein aktuelles Engagement hingeworfen hat, der das gemeinsame Heim verlässt ("Heißt das, Du verlässt uns?", fragt seine Frau) um im ehemaligen Elternhaus, leerstehend wirkend, seit Jahren eher am Verfallen, zunächst mit ein wenig Habe seinen Wohnsitz einzunehmen. Doch einerseits nicht ohne Grund geht der ständig mit sich und seinen Beobachtungen beschäftigte Mann seinen Weg (was sich erst fast ganz zum Ende des Romans hin klären wird) und auch nicht unbedingt alleine, wie sich zeigen wird.

Denn der erste Eindruck täuscht, das Haus ist gar nicht völlig unbewohnt, ein zunächst ominös wirkender Mann und dessen Tochter halten sich darin auf, wobei jener "Bewohner", Quirke mit Namen, wie ein Schatten als Gesprächspartner dient. Was allerdings weniger in Form von Dialogen stattfindet, sondern im Gesamten des Romans wie ein einziger, assoziativer, das Leben in seiner Geschichte nachvollziehender und die Gegenwart wie ein Beobachter in ständig taxierendem Monolog Seite für Seite über den Leser hineinbricht.

"Bei Quirke hatte ich oft das Gefühl, dass er drauf und dran war……mir etwas Lebenswichtiges mitzuteilen". So dient Quirke als eine Art Spiegel der eigenen Innerlichkeit, die zu einem bestimmten Durchbruch, einer Form innerer Heilung drängt, lange Zeit von Cleave selbst in seiner ständigen Betrachtung des Außen eher gehindert denn befördert. Einer, der sich nur deklamierend treiben lassen kann in der Hoffnung, dass die innere Erschütterung durch irgendeinen Impuls sich beruhigt und wieder zusammenfügt, was in Unordnung, im Chaos gelandet ist. Und noch jemand begleitet Cleave in dieser Rückschau und Gegenwartsbetrachtung. Eine Art Geist, eher eine Ahnung, denn eine festgefügte Gestalt, obwohl auch dies zum Ende hin dann feste Formen annimmt, Formen, die all dieses Bedenken, erinnern, die teilweise inneren Wirrungen des Mannes erklärt werden wird.

"Es war, als ginge jemand lautlos neben mir, oder besser: in mir, genau im gleichen Schritt wie ich, ein anderer, der nicht ich und mir dennoch vertraut war".

Ein Geschehen, dass sich als Sinnsuche eines in sich erschütternden, wankenden Menschen zeigen wird, der allerdings nie anderes getan hat, als Rollen zu spielen und sich so wohl nur über die Sprache und Worte über Worte langsam von außen an sich selbst herantasten kann. Geleitet durch unterbewusste Strömungen.

"Nun, da wir zusammen an einem dieser Fenster standen, versuchte ich meiner Frau, meinen Traum zu erklären".

Hier dringt die Suche der Seele zaghaft ans Licht, von einem Traum geleitet, begleitet von handschriftlichen Aufzeichnungen seiner Tochter Cass, selbst bald fieberhaft Notizen verfassend über das, was er sieht, was war, was sein könnte, was hätte geschehen können. "Ha, Freud hätte seine helle Freude". Ruft es ihm seine Frau hinterher, als er seines Weges zieht und an diesem Satz ist durchaus etwas dran, was zum Verständnis des Romans beiträgt. Weil eben der Mann nicht direkt Zugang zu sich und der Welt findet, weil er nur im Betrachten, analysieren, lamentieren und kopieren von "Stoffen der Welt" wie in einem Drehbuch sich seiner selbst in konzentrischen Kreisen anzunähern vermag.

So erklärt sich auch die körperliche fast Flucht in die Dachkammer, als seine Frau sich nicht her abschütteln lässt in der realen Welt. Was nicht immer einfach für den Leser ist, allen Fäden zu folgen und "den" roten Faden im Blick zu behalten. Wobei diese innere Logik aber auch nicht das entscheidende bei der Lektüre ist, sondern die reine Sprachkraft Banvilles vor allem den Leser in den Sog der Geschichte zieht. Eine Form ständiger, poetischer, blumiger, bildkräftiger Beschreibungen und Umschreibungen, in denen Banville es meisterhaft versteht, die Distanz zum Leben des Protagonisten einerseits und die drängenden, tiefen Emotionen hinter dieser Distanz andererseits mitzufühlen und mitzuerleben.
Fazit
Und so wird die Reise hinter jenem "da spielt sich ja bloß einer auf" zu einer literarisch interessanten, sprachlich mitreißenden und am Ende erst absolut verständlichen Innerlichkeit, die den Leser so schnell nicht wieder loslassen wird.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 07. März 2018

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