Pierre Rosanvallon: Die Gesellschaft der Gleichen

Die Gesellschaft der Gleichen

Verlag: Suhrkamp Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-518-29839-8

Preis: 20,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 10. Dezember 2017]
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Positive Folgen der Revolutionen in Frankreich und Amerika

Die Demokratie als politisches System steht unter Druck. Weltweit. So konstatiert Rosanvallon in seiner Einleitung zunächst und gibt damit eine durchaus nachvollziehbare Interpretation der politischen Fakten der Gegenwart. Wobei, und hier kündigt sich bereits eine Grundreibung des Werkes an, dies zugleich auch als fast Erfüllung demokratischer Grundideen verstanden werden kann, denn die Menschen mischen sich deutlich mehr ein, sind deutlich "erhitzter", als in den "ruhigen Zeiten" der Demokratie bis in die Gegenwart hinein.

"Sie begnügen sich nicht mehr damit, sich von zeit zu Zeit über den Umweg der Wahlurnen ihrer Stimme Gehör zu verschaffen".

Wobei eben auch gilt: "Doch dieses politische Kollektiv…..bildet gesellschaftlich gesehen weniger denn je eine Einheit".

Und die Ursache für dieses zunehmende Divergieren in der Haltung der Menschen und in den Gesellschaften selbst macht Rosanvoallon als These zunächst (und dann im Werk fundiert argumentiert) in der zunehmenden "Ungleichheit" aus, die "zugleich Indikator und treibende Kraft dieser Entwicklung ist". Wie überhaupt diese Idee der Gleichheit von Menschen in der Geschichte Fuß fasste, wie sich dieses konkret im Wohlfahrtshandeln eines "Sozialstaates" dann niederschlug und warum dies aktuell in Gefahr und Bedrängung gerät (mit unberechenbaren Folgen für die gesamte Menschheit, vor allem aber für den Kern Europas), das legt Rosanvallon luzide formuliert, prägnant in den Argumenten und Thesen und überzeugend in der (versuchten) Synthese eines "Entwurfes zur Gesellschaft der Gleichen" am Ende des Werkes vor.

Wobei im Gesamten fast ein "Fanal für die Gesellschaft der Gleichen in der Form demokratischer Verfassungen" im Buch formuliert wird, dass dem Leser durch seine vielfachen Elemente den Wert dieser Idee und der (immer mit Mängeln behafteten) geschichtlichen Umsetzung bis in die Gegenwart hinein vor Augen geführt wird. Dabei wendet sich Rosanvallon mit offenen Augen vehement gegen die Tendenzen zum Protektionismus und einem "neuen nationalstaatlichen Denken". Ziel und Grundlage zugleich seiner Schlüsse aus der historischen Entwicklung heraus ist dabei eine zwar auf Nationen ausgerichtete, aber im Denken "nichtnationalistische" Haltung, die immer wieder die gewonnene "Fürchte" eines "sozialen Kapitalismus" über sich selbst hinauszudenken und damit sozialen Fortschritt immer wieder auf den Weg zu bringen hat.

Hier entfaltet Rosanvallon gerade im letzten Teil des Werkes (oder, anders ausgedrückt, je mehr er sich der Gegenwart und einer, in seinen Augen, notwendigen Ausrichtung auf die Zukunft nähert) eine Vielfalt von historisch abgeleiteten Ideen und Programmen, die zwar hier und da ein wenig ins Abstrakte abgleiten, dennoch aber für den Leser ein Füllhorn von Ideen auf der Basis eines gut dargestellten historischen Gerüstes bieten.

Wie immer man auch im einzelnen zur formalen Vorgehensweise Rosanvallons stehen mag und ob man nun jede seiner Thesen zu teilen gedenkt, in der schonungslosen Analyse der aktuell sich zerfaserten Gesellschaften, der immer stärkeren Vormacht der "Raubtierkapitalismus" und der damit einhergehenden Spannung durch wachsende Ungleichheit liegen vielfache Gedanken für den Leser bereit, in einen differenzierten Diskurs einzutreten. Wenn traditionelle politische Parteien und Kräfte quasi "pulverisiert" werden (wie in Frankreich) und dies in höherem Maße "Sozialisten" trifft denn konservative Kräfte, dann zeigt sich, dass ein zu kurzer Blick auf die Ursachen und ein ebenso zu kurzer Blick "nach vorne" zur Aufarbeitung intern wie extern nicht ausreichen wird.
Fazit
Eine anregende und wichtige Lektüre, die sicherlich ihre Schwächen in einem verengten Blick in sich trägt, die aber eine klare, geschichtliche Analyse und einen offenen und mutigen Blick auf die Probleme der "Gleichheit" bietet und damit eines auf keinen Fall vollzieht: Die Gefahren der nahen Zukunft für eine "Gesellschaft der Gleichen" und einen "sozialen Staat" zu unterschätzen.
7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 27. November 2017

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