Doron Rabinovici: Die Außerirdischen

Die Außerirdischen

Verlag: Suhrkamp Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-518-42761-3

Preis: 22,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 21. September 2017]
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Die dünne Fassade der Zivilisation

Was vom Klappentext her zunächst wirkt wie ein Science-Fiction Roman, entpuppt sich bereits nach wenigen Seiten als eine Form der Gesellschaftsstudie, die wie ein weltweiter "Herr der Fliegen" oder eine ausgedehnte Sicht auf das dritte Reich mit all seinen "Ich wusste von Nichts" Menschen und, auf der andern Seite, einen tiefen Blick auf jene Seiten des menschlichen Seins wirft, die schnell bei der Hand ist, wenn es um das (vermeintlich wichtige und richtige) "Durchsetzen" einer "neuen Wahrheit" ist.

Bis zum Ende im Übrigen wird übrigens offenbleiben, ob es jene "Besucher aus dem All" wirklich gibt, obwohl zunächst vieles im Roman dafürspricht. Ein geschickter Kniff des Autors, denn damit wird noch deutlicher, wie sehr schon die "Macht der Einbildung" den Menschen im tiefsten bewegt.

Denn dass da "friedliche Wesen" kommen, die Anteil zu geben Gedenken an den "Reichtümern" des Universums (im Sinne von Wissen, aber auch ganz handfest, was Immobilien angehen wird), die nur eine, wirklich kleine, kaum den Wert dessen, was sie zu geben bereit sind aufwiegende, Kleinigkeit im Gegenzug anfragen.

Hier und da "menschliches Fleisch". Ein regelmäßiges Opfer. Müssen ja nicht viele sein, alles im Rahmen, oder?

Was aber nicht im Rahmen bleibt, ist die im Buch freigesetzte "vorauseilende" Dynamik, die immer mehr an Fahrt aufnimmt. Spiele werden "eingerichtet" (ähnlich den "Tributen von Panem"), bei denen jeder Verlierer jeder Runde umgehend "mundgerecht" übergeben wird. Wobei die "Champs" natürlich Helden sind. Weltweit. Solange sie eben Helden sind. Was auch eine doppeldeutige Anspielung auf die vielen "Casting-Shows" unserer Tage darstellt und detailliert aufgreift, was zu solchen "Events" bewegt und was diese bei Zuschauern (im Buch der Rest der Welt) auslösen.

Zudem trifft, als zweite Linie, die "Gier der Gegenwart" auf diese Konstellation. Ganz handfest, wenn Rabinovici, wie an der "echten" Börse, die Nullnummern sich aufbauen lässt. Ein Run auf Anteile, eine Gier sondergleichen und ein System, dass Seite für Seite auf den Zusammenbruch zusteuert. Aber was dann?

Wer wird am Ende "den Kopf noch oben" tragen? In einer Gesellschaft, in der nicht mehr verniedlicht von "Konzentrationslagern" gesprochen wird, sondern direkt und klar vom "Schlachthof", der auf einer unzugänglichen Insel liegt und in dem, mehr und mehr und mit wachsender Geschwindigkeit, nicht mehr nur Verlierer einzelner "Spielrunden" ihr Ende finden, sondern sich, und da fällt sie, die Fassade der Zivilisation, in steigernder Geschwindigkeit ganze Gruppen von unliebsamen Querdenkern auf der Insel wiederfinden.

Dass alles erlebt der Leser durch die Augen Sol's, eines "Talkmasters" der ersten Stunde der "Ankunft", an dem Rabinovici ganz nebenbei die gesamte, hysterische Welt der Medien und social media mit ihren vielfach niederen Motiven aufrollt, und dessen Frau Astrid. Die beide, wider Willen, eher zufällig mit hineingezogen werden bis in das Zentrum der Ereignisse.

"Wir schmecken Ihnen nicht mehr".

Das könnte, irgendwann, die Lösung der brutalen Vorgänge und des inneren Dilemmas sein. Eine versteckte Botschaft an den Leser, sich nicht zu leicht und zu einfach den "Zähnen der Zeit" auszusetzen.

Alle Ereignisse haben doppelte bis dreifache Bedeutungen dabei, bieten einen Blick auf erschreckende Stationen der Geschichte und bringen auf den Punkt, wie wenig wirklich aus alle diesem gelernt wurde. Und wie leicht und schnell es gehen kann, dass all die friedfertigen und "vermeintlich kompromisssuchenden" Haltungen nur dann etwas wert sind, wenn die "Macht der Vielen" bereit sind, diese Haltungen zu stützen und zu verteidigen. Wie wenig das alles sich als Kern des menschlichen Lebens auf dem Planeten im Lauf der Jahrhunderte wirklich gesetzt hat, das zeigt die reale Gegenwart ja bereits an vielen "bröckelnden" Orten und Ordnungen.
Fazit
Ein wenig zu gleichförmig ist das alles allerdings erzählt, zudem verheddern sich die vielfachen Stränge und Bedeutungen der Handlungen, so dass hier und Verwirrung sich breit macht beim Leser und wirkliche Spannungskurven, auch was das Finale des Buches angeht, selten bis kaum entstehen.

Dennoch eine Lektüre, die sich lohnt, da hinter den vordergründigen Ereignissen vielfaches Grundlegendes auf den Punkt herauszulesen ist.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 12. September 2017

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