Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt

Im Herzen der Gewalt

Verlag: S. Fischer [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-10-397242-9

Preis: 20,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 11. Dezember 2017]
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Was genau geschah……

Da reißt einen die Lust (ein wenig) dahin. Da nimmt man einen zwar fremden, aber attraktiven und freundlich scheinenden Mann mit nach Hause. Reda, der "schöne Stunden" zu versprechen scheint.

"Ich hätte nie gedacht, dass er gefährlich sein könnte".

Was ein Irrtum war im Leben von Édouard Louis. Wobei, das alles wird sich dem Leser erst nach und nach erschießen und in einer Form von verschiedenen Perspektiven, in denen die Geschichte verarbeitet und, nach dem "Stille-Post-Prinzip" auch mit neuen Nuancen versehen wird, so dass es dauert, bis klar ist, was genau und was wirklich in jener Nacht geschah (wenn das überhaupt genau zu klären sein wird). Denn zunächst irritierend ist es ja, dass Freiwilligkeit ja gegeben war an diesem Heiligen Abend in Paris. Dass Louis jenen Reda mit eindeutigen Absichten mit nach Hause nahm. Und sich dann in gefährlicher Situation, gewürgt, bedroht und vergewaltigt während jenes Abends und der Nacht wiederfand.

Ein Geschehen, das Louis in der Betrachtung der Tat kühl, in der Aufarbeitung des Geschehens innerlich fiebernd fast erzählt. Er, der aus der Enge der Provinz doch entkommen, war, in der Metropole angelangt und der nun zurückflieht in den Schoß des Elternhauses, der Familie. Wo die Veränderungen der Geschichte ihren Lauf nehmen, subjektive Färbungen, eigene Erinnerungen anderer mit hineinfließen, gepaart mit dem Wirrwarr an Gefühlen in Louis, der zudem noch Polizei, Ärzte, das ganze Drumherum mit zu bewältigen hat. Was Louis, wohlwissend vorher wohl, erst zögerlich angegangen war. Nun liegt es nicht mehr in seiner Hand. Wobei als weitere Perspektive der Ereignisse auch die augenscheinliche Herkunft Redas beginnt, eine Rolle zu spielen.

Polizisten, denen nach den ersten Worten klar zu sein scheint, dass man auch nichts anderes hätte erwarten können von einem "maghrebinischen Typen". All diese Färbungen, und das ist ein interessant zu lesender mit Hauptaspekt des autobiographischen Romans ist, wie die Sicht der anderen die eigene Sicht immer mit "belagert", mit färbt. So dass ein Gemisch entsteht von eigenen Ressentiments nun und fremden Meinungen und Äußerungen, wenn Louis nach einer Weile allen, die ähnlich fremd aussehen, mit zunehmenden bis absolutem Misstrauen begegnet.

Eines wird klar, trotz allem heiß laufen des Verstandes, trotz aller Bemühungen um einen rationalen Umgang mit dem Geschehen, der eigenen Prägung, den vielfachen Stimmen des Umfeldes, den eigenen Unsicherheiten und dem zähen Lauf der Institutionen gegenüber wird die Machtlosigkeit des Einzelnen im Angesicht von Gewalt, tiefsitzenden negativen Traditionen und dem "Gang der Dinge" gegenüber mehr und mehr bedrängend, umfassend und belastend. Gut, dass Édouard, im Leben wie im Roman, echte Unterstützung und Hilfe findet.
Fazit
Bedrängend und präzise zu lesen bietet Louis in seinem neuen Roman einen ungeschminkten Blick auf das Risiko des Lebens, auf latent breiter zunehmende Gewalt, auf einen tiefsitzenden Argwohn dem und den Fremden gegenüber, der den Leser lange nicht loslassen wird.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 04. September 2017

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