Jochen Missfeldt: Solsbüll

Solsbüll

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-498-04539-5

Preis: 22,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 20. Oktober 2018]
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Die Söhne der Familie Hasse aus Solsbüll hießen Gustav. Großvater Gustav, ein Tischlergeselle, fällt im Ersten Weltkrieg im Geburtsjahr des zweiten Gustav Hasse, der wiederum einem Regiment aus Solsbüll angehört und im Kriegsjahr 1941 in Russland fällt, in dem sein Sohn Gustav geboren wird. Das Schicksal, dass in zwei Weltkriegen Vater und Sohn fallen, teilen die Hasses mit vielen deutschen Familien. Gret Hasse, die ältere Schwester des mittleren Gustav, gründet einen Haushalt von Hebammen im Kreis Solsbüll-Land und zieht den Enkel Gustav auf. Auch sie steht für eine ganze Generation von Frauen, die nach dem Ende des zweiten Weltkriegs die Trümmer beseitigten und elternlose Kinder versorgten. Die Schwestern des mittleren Gustav bilden ein charakteristisches Gegengewicht zur männlichen Linie. Rosa und ihr Mann emigrieren bereits 1933, Gret hält die Stellung in der Hebammenpraxis und wird zur Zeitzeugin von Kriegsende und Nachkriegszeit. Starke Nebenfiguren wie Doktor Otto von Meggersee tragen zum authentischen Bild jener Zeit bei. Von Meggersee senior dient im gleichen Regiment wie Gustav Hasse und überlebt den Krieg in Frankreich, weil er wegen einer "Nervensache" nachhause geschickt wird. Meggersee junior tritt in die Fußstapfen seines Vaters als Arzt.

Der Ort Solsbüll verbindet Missfeldts Romane Gespiegelter Himmel, Steilküste und Sturm und Stille. In Sturm und Stille tritt Gustav senior als fiktiver Storm-Biograf auf. Missfeldts Solsbüll liegt in jener interessanten Region, in der nach dem Ersten Weltkrieg über die Zugehörigkeit zu Dänemark oder Deutschland abgestimmt wurde.

Was nach einer klassischen Familien-Saga klingt, entpuppt sich als sorgfältig geknüpftes, sehr feines Netz aus Beziehungen, in dem sich Nationalsozialismus und Nachkriegszeit in der tiefsten Provinz wie unter einem Vergrößerungsglas betrachten lassen. Vom Denunzieren missliebiger Nachbarn in der NS-Zeit bis zum Zusammenraufen von Einheimischen und Flüchtlingen nach 1945 wird hier alles geboten. Herausragend trifft Missfeldt die Atmosphäre der 50er und 60er, wenn er Enkel Gustav seine Umwelt mit der Nase erkunden und beschreiben lässt. Missfeldts Alter Ego Gustav, einziger Mann unter Frauen, orientiert sich an Brikettfeuern und Petroleumdünsten, an den Gerüchen der verschiedenen Haushalte und der Plumpsklos. Das Feuermachen in der Küche, bevor man Kaffeetrinken konnte, oder das Treffen Jugendlicher an der Teppichstange muss man vermutlich erlebt haben, um es wie Missfeldt erzählen zu können. Ebenfalls herausragend finde ich die für die Zeit und die Region treffende Sprache, die Missfeldt seinen Figuren auf den Leib schreibt – nüchtern, auf den Punkt gebracht und nicht lange gefackelt.

Sollsbüll ist die überarbeitete Neuausgabe des 1989 bei Langewiesche-Brandt und später als Rowohlt-Taschenbuch erschienenen Romans, die durch ein umfangreiches Personen- und Begriffsverzeichnis und Kristof Wachingers Nachwort zur Entstehungsgeschichte im neuen Kontext erscheint. So sollten umfangreiche Familienromane ausgestattet sein.
Fazit
Eine herausragende Verbindung von Familienroman und Lokalgeschichte, die zu guter Letzt auch meisterhaft davon erzählt, wie es sich in den wilden 50ern anfühlte 16 Jahre alt zu sein.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 20. August 2017

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