Eowyn Ivey: Das Leuchten am Rand der Welt

Das Leuchten am Rand der Welt

Verlag: Kindler Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-463-40681-7

Preis: 22,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 23. Februar 2018]
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Henry Tureman Allen (1859-1930) war Offizier der US-Army und leitete 1885-1886 eine Expedition nach Alaska. In Eowyn Iveys Alaska-Roman wird aus ihm Colonel Allen Forrester, der mit einem kleinen Team in militärischem Auftrag den Fluss Wolverine erforschen soll. Die Expedition soll ausgehend von der Prinz-William-Bucht dem gefrorenen Flusslauf folgen, die Berge überqueren und vor dem nächsten Winter den Yukon erreichen. Offiziell dient die Tour der Kartierung und dem Studium der Ureinwohner. Eine russische Forschergruppe ist kurz zuvor am Wolverine River gescheitert und wurde von den Einwohnern getötet. Dass die Suche nach Bodenschätzen und militärische Motive Forrester und seine beiden Gefährten ins Eis führen, ist offensichtlich. Begleitet werden die Amerikaner vom Trapper und Dolmetscher Samuelsen und einer einheimischen Frau, die von ihrem Ehemann erzählt, er hätte in die Gestalt eines Otters wechseln können und sie hätte ihn getötet.

Mit Allen Forrester, seiner Frau Sophie und dem Expeditionsteilnehmer Pruitt kommen mehrere Icherzähler in Briefen und Tagebuchaufzeichnungen zu Wort. Forresters Ehefrau hätte die Expedition gern begleitet, wäre sie nicht kurz vor dem Start schwanger geworden. Die junge Ehefrau bleibt zurück in der amerikanischen Garnison Vancouver am Columbia River. Sophie hat eine Ausbildung als Lehrerin und war bereits vor ihrer Ehe sehr naturinteressiert. In der Abwesenheit ihres Mannes bringt sie sich mit Unterstützung des Apothekers selbst das Fotografieren mit einer Plattenkamera bei.

Den Nachlass des fiktiven Allen Forrester will in der Gegenwart dessen Großneffe Walter in Briefen einem kleinen Heimatmuseum in Alska anbieten. Als Kind hatte Walter in seinem Zimmer eine Landkarte Alaskas an der Wand und beschäftigte sich intensiv mit dem Schicksal seines Großonkels Allen. Er will auf seine alten Tage den Widerspruch zwischen den offiziellen Berichten über die Expedition und Allens persönlichen Tagebüchern klären. Außer den Briefen sind auch einige Artefakte erhalten. Die Erinnerungsstücke müssten jedem Museumskurator begehrliche Blicke entlocken, da es zur jungen Geschichte Alaskas nur wenig Quellen gibt. Allens junger Briefpartner Josh Sloan wiegelt zunächst mit Hinweis auf seinen begrenzten Etat ab. Joshs Herkunft mütterlicherseits aus dem Wolverine-Clan macht ihn für Walter Forrester zum begehrten Experten, um die Aufzeichnungen überhaupt richtig zu verstehen.

Forrester und seine Gefährten Pruitt und Tillman unterschieden sich von Männern wie Shakleton, weil Ivey ihnen ihr Unwissen über die Region und ihre Planungsmängel früh bewusst werden lässt. Als ihre einheimischen Gesprächspartner deutlich machen, dass der Fluss nicht schiffbar ist und unterwegs kein Nachschub zu erhalten ist, verblüfft das die kleine Truppe ebenso wie das Tabu, die Berge nicht zu betreten, weil sie als Reich der Toten gelten. Iveys Figuren wirken für ihre Zeit angenehm offen für die Traditionen der Wolverine-Menschen. Sie können erkennen, dass die Welt, die sie gerade entdecken, ohne sie existieren kann, sie aber nicht ohne die Hilfe der Ureinwohner überleben werden.

Wer Das Schneemädchen kennt, wird sich nicht wundern, dass Eowyn Ivey eine gehörige Portion Magie und Aberglauben in ihre Handlung verwebt. Angefangen mit den Otterwesen, über Frauen, die abwechselnd als Graugänse erscheinen, über einen rabenhaften Schamanen, der in einem Baum zu leben scheint, bis zur unheimlichen Verbindung zwischen Sophie Forresters Totgeburt und einem Baby, dass Forrester als Geburtshelfer aus einer Baumwurzel entbindet.

Die unterschiedlichen Perspektiven der Figuren des 19. und 20. Jahrhunderts (im Layout sehr übersichtlich gegliedert) machen Iveys umfangreichen Roman zu einem Fundus zur Entdeckung Alaskas. Gerade die begrenzte Zahl der Artefakte konzentriert den Blick auf das Überleben unter unwirtlichen Bedingungen. Sophies frühe Rebellion gegen die ihr zugewiesene Frauenrolle sollten Leser augenzwinkernd zur Kenntnis nehmen. Neben der spannenden Frage, welche Fakten Iveys Fiktion verbirgt, fand ich das Wachsen der Beziehung zwischen Josh und Allen fesselnd, während der junge Mann in alten Dokumenten die Geschichte seiner unmittelbaren Heimat erkennt.
Fazit
Eowin Ivey hat mit ihrem erfolgreichen ersten Roman "Das Schneemädchen" die Messlatte für ihre folgenden Romane sehr hoch gelegt. Auch hier gelingt ihr - aus mehreren Perspektiven erzählt - eine erstaunliche Verknüpfung von Abenteuer, historischen Fakten, Magie und einer Liebesgeschichte.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 18. August 2017

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