Jonas Lüscher: Kraft

Kraft

Verlag: Verlag C. H. Beck [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-406-70531-1

Preis: 19,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 30. September 2020]
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Sprachlich auf den Punkt und wunderbar zu lesen

Nicht ohne Hintersinn nennt Lüscher in diesem anregenden und treffenden Roman seine Hauptfigur "Kraft". Denn auch um die Kräfte, denen der Mensch sich "entgegenneigt" geht es im Buch (da, wo eine Reisegruppe und auch Kraft auf der Spitze eines Turms stehen und über das Silicon Valley schauen. Und die neuen, modernen "Kraft-Namen" erschallen wie ein kirchlicher Chor. "Google. Facebook". "APPLE!!!!"). "Kraft ist nur mit seiner Verachtung alleine". So sieht es aus, der Blick des Mannes Richard Kraft. Auf die Welt. Auf seinen Berufsstand. Wo er gerne "gegen den Strich bürstet", aber das Ganze als unnütz ermattend auch langsam sein läst.

"Einer Provokation, die allerdings in der Runde seiner Kollegen ihre Wirkung verliert, denn sie ignorieren sie ebenso routiniert, wie er sie vortrug".

Nicht aus persönlichen Gründen wird er ignoriert, sondern weil scheint's unter Professoren kaum noch etwas überhaupt allgemeine Erregung hervorruft. Satt und saturiert, eher zynisch denn interessiert, so stellt sich seine berufliche Welt als Rhetorik-Professor ihm dar. Was aber auch an ihm liegen könnte. Denn wenn einer "Abendland" und ""Untergang" recht oft und schnell, fast nur, zusammendenkt als Begriffe, ist er ja selber bereits ein stückweit untergegangen im System.

Persönlich wird es allerdings da, wo seine Frau ins Spiel kommt. Da reichten ein paar Worte Lüschers, was die Bewertung der Füße seiner Frau durch Kraft angeht. Selten hat man solch zunächst einfach bildlich wirkendes mit doch vernichtender Kraft (da ist sie wieder, die Doppelbedeutung des Namens) gelesen. Wie überhaupt die Bildsprache Lüchers eine durchgehende Freude der Lektüre darstellt und der Autor sehr genau die feinen Nuancen zwischenmenschlicher (fast) Verzweiflung darzustellen vermag.

Wenn Kraft im Rahmen eines Wettbewerbs (den besten Vortrag halten zum Thema "Warum alles, was ist, gut ist und warum wir es trotzdem verbessern sollen?" und, wenn einem der beste Vortrag gelingt, eine Million Dollar Preisgeld bekommen) nicht nur sich am Thema fast die Zähne ausbeißt, sondern immer tiefer seine Person, seine Zukunft mit dem Wettbewerb verknüpft (denn nur mit der Million Dollar kann er sich von seiner Frau und den Schulden seines aktuellen Lebens "Freikaufen") und gerade bei diesem wichtigsten Akt seines bisherigen Lebens einfach keine Ruhe findet (äußerlich zunächst verstanden), das nimmt teils schon surreale Züge an. Seite für Seite mehr aber wird klar, dass Lüscher vor allem mit den klassischen Vorstellungen eines "gelungenen Lebens" aufräumt. Denn, oberflächlich, ist einer als Professor und verheiratet ja auf der "Siegerseite", oder?

Und doch einer, dem der Leser von der ersten Seite an beim Scheitern zuschaut. Mit Sprachwitz und in sich logischen Wendungen. Und gerade damit jener Satz "Alles, was ist, ist gut" bestens konterkariert wird. Und auch die zunächst romantisierenden Erinnerungen an die damalige Studienzeit und Wohngemeinschaft mit seinem "alten Freund Istvan", der ihm auch in Stanfort ein Bett anbietet, werden sich mehr und mehr in Wohlgefallen auflösen. Eine Auflösung, der man, wird sie auf solch anregende, sprachliche Weise geschildert, gerne beiwohnt. Zumindest für eine Weile, denn trotz der eher überschaubaren Kürze des Romans beginnen sich nach einer Weile die Ironie und die "Zielgruppe" derselben doch zu wiederholen und das Leben samt der mäandernden, inneren Assoziationen von Kraft bieten, letztlich, nicht unbedingt eine sonderliche Vielfalt an Stoff.
Fazit
Dennoch flüssig und anregend zu lesen. Bei der sich der Leser nebenbei fragt, was denn noch tragfähige Kräfte in der modernen Zeit sein könnten. Die digitale Welt zumindest hält, was Lüscher angeht, solche Kräfte nicht bereit.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 29. Mai 2017

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