Marcel Beyer: Das blindgeweinte Jahrhundert

Das blindgeweinte Jahrhundert

Verlag: Suhrkamp Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-518-42578-7

Preis: 22,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 20. Januar 2018]
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Anregende Essays

Da sitzt dieser Nachtfalter auf dem Rücken des schlafenden Vogels. Und schiebt sachte mit seinem Rüssel unter das Augenlid des Vogels. Verharrt. Und trinkt Tränen. Was nicht nur biologisch und zoologisch interessant ist, sondern wohl auch das 20. Jahrhundert im Gesamten gut hätte gebrauchen können. In dem die Zeitgeschichte, aber auch die Literatur zu und über dieser Zeitgeschichte bittere Tränen en Masse vergossen hat. Soweit, dass es "blindgeweint" ist?

Das nicht, denn Marcel Beyer zeigt in den 10 im Buch versammelten Essays (wobei das letzte der Kapitel eher ein Nachwort und Dank darstellt), dass man sich dem Thema "Tränen" vielfältig, aber immer in Bezug auf die reale Welt und das Geschehen der jeweiligen Zeit nähern kann. Und dabei das geschriebene Wort durch nichts zu ersetzten ist.

Denn wenn ein Biologe eine neue Art beschreibt, dann absolut ausführlich, differenzierend, auf kleinste Details auch sprachlich achtend. Eine Methode, die immer noch gilt, die nur so angewandt ist. Auch wenn der Leser durch diese übergenaue Beschreibung eher noch daran gehindert wird, ein klares Bild im Kopf zu entwerfen (was ein Foto ja leisten könnte), würde eine fotografische Abbildung eben nicht die dutzenden Begriffe für Grautöne, für kleinste Merkmale treffen. Die aber entscheidend ist in der Frage, diese von anderen Arten zu unterscheiden. Wobei diese "Nachbesinnung" intensiv mit dem ersten Essay korrespondiert, was von der kompositorischen Kraft Beyers auch zeugt.

Wo ein Affe 1938 im Berliner Zoo anscheinend zufällig eine Leica umhängen hat und ein Foto von den Besuchern "schießt". Und doch bei genauer Betrachtung (und sprachlich von Beyer wunderbar dargestellt) die gesamte Szene gestellt ist. Inszeniert von einem Fotografen, der einige Jahre später, 1940, eine Verhaftungsszene ebenfalls wohl "nachstellt", wie Beyer sorgsam sprachlich nachzeichnend auf einem anderen Foto desgleichen Fotografen entdeckt.

"Sich von Hilmar Pabel photographieren zu lassen" heißt somit "sterben lernen", heißt "töten helfen" und damit sind die ersten Tränen schon in Reichweite, das muss Beyer gar nicht mehr explizit ausführen. Wobei es, neben den "harten Tränen" auch "weichgespülte" Tränen durchaus sind, die Beyer nonchalant mitverarbeitet, wenn er Helmut Kohl an Rilkes Grab, Helmut Kohl Rilke zitierend und die gesamte Situation der Ereignisse von 1989 mit so manchen "Abschiedstränen" mit hineinnimmt.
Fazit
Eher assoziativ und spielerisch greift Beyer Themen, die er mit klarer, anregender Sprache und im besten, unterhaltsamen Stil vorführt, dem Leser nahebringt und, nicht selten, eher im Hintergrund die "Tränen" ein gewichtiges Wort mitsprechen lässt. Und sich dabei nicht scheut, selbst den Kitsch in Person von "Heintje" "tränenreich" zu erinnern.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 09. Mai 2017

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