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Susanne Siegert: Gedenken neu denken

Gedenken neu denken

von Susanne Siegert
Verlag: Piper Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-492-06545-0

Preis: 18,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 11. November 2025]
Erinnern und Gedenken an die Gräueltaten des Nationalsozialismus sind und bleiben ein wesentlicher Bestandteil deutscher Geschichte. Wenngleich vieles bekannt ist, so ist die Aufarbeitung der Geschehnisse keineswegs abgeschlossen. Die Zahl der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wird zunehmend geringer und alleine schon aus diesem Grunde stehen dem Gedenken bedeutende Umbrüche bevor. Wie also kann oder soll es weitergehen? Genau hierauf zielt Susanne Siegert mit ihrem aktuellen Buch ab: Wie muss das Gedenken künftig gestaltet werden?

Sie selbst hat als Journalistin und digitale Aktivistin (mit eigenem Instagram- und TikTok-Account) einen spezifischen Blick hierauf und fordert, dass Gedenken nicht ein Ritual sein soll. Multiperspektivisch sollen wesentliche Themen und Inhalte den modernen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters entsprechend gestaltet sein.

Inhaltlich wird das derzeitige Herangehen an "Erinnerungskultur" kritisch beleuchtet und kommentiert. Kennzeichen für die aktuelle Form des Gedenkens sind formelle Rituale zu bestimmten Zeitpunkten (oftmals anhand festgelegter historischer Daten), wie beispielsweise der 27. Januar als internationaler Holocaust-Gedenktag. Sie hinterfragt Gedenken bezogen auf die bekannten Orte und zu festgelegten Terminen und schließt in ihre kritische Betrachtung und Kommentierung auch den Blickwinkel des derzeitigen Rituals auf (z. B. Gedenken an die Opfer des NS-Terrors, an die Helden des Widerstands). Heimat- bzw. wohnortnahes permanentes Gedenken unter Beachtung der Perspektiven "einfacher Bürger" (auch der Täter) und bislang wenig beachteter Opfergruppen (z. B. Sinti und Roma, Euthanasie-Opfer) sollen ihren Platz finden.

Ganz ohne Zweifel bringt Susanne Siegert in ihrem Werk eine frische Sichtweise in die Diskussion um die Gestaltung künftigen Gedenkens ein. Das Buch birgt eine Vielzahl interessanter, lesens- und überdenkenswerter Aspekte. Die soliden Kenntnisse der Autorin und ihre Erfahrungen im Bereich digitaler Erinnerungskultur (selbst wenn sie ihren Account "keine.erinnerungskultur" genannt hat) sind dabei von Vorteil. Sie greift vor allem die Nebenschauplätze auf, die in den Geschichtsbüchern wenig, meist gar keinen Platz finden. An der Bedeutung dieser Geschehnisse besteht jedoch kein Zweifel. Nahbar machen, im wahrsten Sinne des Wortes stellt sie in den Vordergrund. Hierin sind die Stärken dieses gut lesbaren und kompakt gefassten Werks zu sehen.
Fazit
Dennoch wirkt die Sichtweise und die hieraus folgende Perspektive Siegerts an der ein oder anderen Stelle "bemüht". Beispiel: Wenngleich die Täterperspektive im bisherigen Gedenken eine vergleichsweise unbedeutende Rolle spielt, sondern der Fokus sich in erster Linie auf die Opferperspektive beschränkt, muss man hieraus nicht unbedingt schlussfolgern, dass die nachfolgende Generation dies nutzt, um auf eine eventuelle Tatbeteiligung in der eigenen Familie zu stoßen. Auch Begrifflichkeiten wie "Gedächtnistheater" (selbst wenn dieser Begriff nicht von der Autorin, sondern vom Soziologen Bodemann stammt) wirkte auf mich eher verstörend und unpassend. Bei ihrer Buchvorstellung in Frankfurt stellte Susanne Siegert allerdings klar, dass es ganz ohne ritualisierte Erinnerungskultur wohl nicht gehen wird - diese Klarstellung empfand ich wiederum wichtig. Somit setzt sie unter die bisherige Erinnerungskultur keinen Schlussstrich, sondern einen Trennstrich, wie sie selbst hervorhob.

Der frische Blick auf das Gedenken der/in Zukunft unterstreicht den Stellenwert des Buches und dessen Bedeutung für die aktuelle Diskussion und belebt sie. Von daher: Leseempfehlung!
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Dietmar Langusch [Profil]
veröffentlicht am 16. November 2025

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