Erinnern und Gedenken an die Gräueltaten des Nationalsozialismus sind und
bleiben ein wesentlicher Bestandteil deutscher Geschichte. Wenngleich vieles
bekannt ist, so ist die Aufarbeitung der Geschehnisse keineswegs abgeschlossen.
Die Zahl der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wird zunehmend geringer und alleine
schon aus diesem Grunde stehen dem Gedenken bedeutende Umbrüche bevor. Wie also
kann oder soll es weitergehen? Genau hierauf zielt Susanne Siegert mit ihrem
aktuellen Buch ab: Wie muss das Gedenken künftig gestaltet werden?
Sie selbst hat als Journalistin und digitale Aktivistin (mit eigenem Instagram-
und TikTok-Account) einen spezifischen Blick hierauf und fordert, dass Gedenken
nicht ein Ritual sein soll. Multiperspektivisch sollen wesentliche Themen und
Inhalte den modernen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters entsprechend
gestaltet sein.
Inhaltlich wird das derzeitige Herangehen an "Erinnerungskultur"
kritisch beleuchtet und kommentiert. Kennzeichen für die aktuelle Form des
Gedenkens sind formelle Rituale zu bestimmten Zeitpunkten (oftmals anhand
festgelegter historischer Daten), wie beispielsweise der 27. Januar als
internationaler Holocaust-Gedenktag. Sie hinterfragt Gedenken bezogen auf die
bekannten Orte und zu festgelegten Terminen und schließt in ihre kritische
Betrachtung und Kommentierung auch den Blickwinkel des derzeitigen Rituals auf
(z. B. Gedenken an die Opfer des NS-Terrors, an die Helden des Widerstands).
Heimat- bzw. wohnortnahes permanentes Gedenken unter Beachtung der Perspektiven
"einfacher Bürger" (auch der Täter) und bislang wenig beachteter
Opfergruppen (z. B. Sinti und Roma, Euthanasie-Opfer) sollen ihren Platz
finden.
Ganz ohne Zweifel bringt Susanne Siegert in ihrem Werk eine frische Sichtweise
in die Diskussion um die Gestaltung künftigen Gedenkens ein. Das Buch birgt
eine Vielzahl interessanter, lesens- und überdenkenswerter Aspekte. Die soliden
Kenntnisse der Autorin und ihre Erfahrungen im Bereich digitaler
Erinnerungskultur (selbst wenn sie ihren Account
"keine.erinnerungskultur" genannt hat) sind dabei von Vorteil. Sie
greift vor allem die Nebenschauplätze auf, die in den Geschichtsbüchern wenig,
meist gar keinen Platz finden. An der Bedeutung dieser Geschehnisse besteht
jedoch kein Zweifel. Nahbar machen, im wahrsten Sinne des Wortes stellt sie in
den Vordergrund. Hierin sind die Stärken dieses gut lesbaren und kompakt
gefassten Werks zu sehen.
Fazit
Dennoch wirkt die Sichtweise und die hieraus folgende Perspektive Siegerts an
der ein oder anderen Stelle "bemüht". Beispiel: Wenngleich die
Täterperspektive im bisherigen Gedenken eine vergleichsweise unbedeutende Rolle
spielt, sondern der Fokus sich in erster Linie auf die Opferperspektive
beschränkt, muss man hieraus nicht unbedingt schlussfolgern, dass die
nachfolgende Generation dies nutzt, um auf eine eventuelle Tatbeteiligung in der
eigenen Familie zu stoßen. Auch Begrifflichkeiten wie
"Gedächtnistheater" (selbst wenn dieser Begriff nicht von der
Autorin, sondern vom Soziologen Bodemann stammt) wirkte auf mich eher
verstörend und unpassend. Bei ihrer Buchvorstellung in Frankfurt stellte
Susanne Siegert allerdings klar, dass es ganz ohne ritualisierte
Erinnerungskultur wohl nicht gehen wird - diese Klarstellung empfand ich
wiederum wichtig. Somit setzt sie unter die bisherige Erinnerungskultur keinen
Schlussstrich, sondern einen Trennstrich, wie sie selbst hervorhob.
Der frische Blick auf das Gedenken der/in Zukunft unterstreicht den Stellenwert
des Buches und dessen Bedeutung für die aktuelle Diskussion und belebt sie. Von
daher: Leseempfehlung!
Vorgeschlagen von Dietmar Langusch
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veröffentlicht am 16. November 2025 2025-11-16 16:34:15