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Anja Baumheier: Die Erfindung der Sprache

Die Erfindung der Sprache

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-463-00023-7

Preis: 20,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 08. März 2021]
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Anja Baumheiers Roman ist auf einer fiktiven Insel an der deutschen Nordseeküste angesiedelt und folgt dem Schicksal eines "Adam Riese", der schon als Kind besonders eigenbrötlerisch war und ein engeres Verhältnis zu Zahlen als zu Menschen pflegte. Auf wechselnden Zeitebenen wird u. a. die Vorgeschichte seiner tschechisch-stämmigen Mutter Oda erzählt, die als Kind mit Mutter Leska nach Osfriesland kam. Leska prägte die 300-Einwohner-Insel durch ihre Backwaren und ihre sehr persönliche Sprache, die sich aus tschechischem Satzbau und dem Platt der Insulaner entwickelte. Als Erwachsene arbeitet Oda beim Lokalsender, auf der Insel integriert, aber mit einem winzigen Funken Fernweh im Herzen. Als in den 80ern ein Restaurator für den Leuchtturm der Insel gesucht wird, zeigen sich Leskas böhmische Backkünste als Standortvorteil, um aus dem tiefen Bayern einen "Hubert Riese" in den Norden zu locken. Dass es an der Waterkant keinen Experten für Leuchttürme mehr geben soll, ließ mich befürchten, dass die Handlung von hier an eine groteske Richtung einnehmen würde. Aber wenn in der Realität der einzige und langjährige Experte für Saterländisches Friesisch ein Schwarzafrikaner war, ist hier oben offenbar nichts unmöglich. Oda und Hubert werden ein Paar, Sohn Adam wird nach langem Warten auf das Wunschkind als Frühchen geboren. Hubert jedoch scheint sich trotz seiner Expertise für Leuchttürme schwer auf der Insel zu integrieren – und ist eines Tages verschwunden. Der erwachsene Adam wird sich auf die Suche nach seinem Vater begeben und dazu weiter ins europäische Sprachengemisch eintauchen.

Wie in einer wissenschaftlichen Arbeit sind fremdsprachige Sätze in Baumheiers Roman in Fußnoten am Seitenende übersetzt. Sollte eine Übersetzung aus dem Plattdeutschen wirklich nötig sein, fragte ich mich. Doch spätestens mit Leskas Ankunft und dem japanischen Arzt Dr. Watanabe musste ich einsehen, dass das Sprachgemisch auf der Insel geordnet werden sollte – und sei es nur aus Rücksicht auf Adams spezielle Ansprüche, die sich mit dem Heranwachsen immer deutlicher ausbildeten. Für einen Sprachwissenschaftler, der vermutlich eine Diagnose aus dem autistischen Spektrum erhielt, passt der wissenschaftliche Mantel.

Anja Baumheier hat einen skurrilen Roman (mit zahlreichen Rückblenden) über Exzentriker, Muttersprache, Vatersuche, Mehrsprachigkeit, Sprachstörungen, das Überleben winziger Gemeinschaften und die Sprachwissenschaft geschrieben, der bis in die unmittelbare Gegenwart reicht, in der wir uns mit der Sprachfunktion stoffüberzogener Objekte unterhalten. Eine Reihe von Sympathieträgern und Kümmerern bieten Lesern breite Identifikationsmöglichkeiten, nicht zuletzt überzeugt das Motiv des Leuchtturms als Rückzugsort, wenn das Leben gerade zur Last wird …
Fazit
Leser, die hier nicht zu viel hinterfragen, finden anrührende Einblicke in eine Figur, die für ihr soziales Leben einen Vermittler oder Dolmetscher benötigt. Die wichtige Frage, wie wir diese besondere Kunst der Vermittlung lehren und welchen Platz wir den Adams dieser Welt einräumen, ist Grund genug, das Buch zu empfehlen.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 19. Februar 2021

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