Jürgen Luh: Der große Kurfürst

Der große Kurfürst

Verlag: Siedler Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-8275-0096-0

Preis: 25,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 19. Februar 2020]
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Akribisch herausgearbeitete Diskrepanz zwischen Bild und Wahrheit

Mutig, aufrecht, stringent, klug, mit klarer Linie und Beharrungsvermögen, so stellt man sich den Gründer einer Dynastie und eines Reiches gerne vor und so hat Friedrich Wilhelm von Brandenburg aus dem Hause Hohenzollern, der "große Kurfürst", sich durchaus auch selber gerne gesehen. Zumindest sich gerne nach außen so dargestellt. Als Gründer eines Staates, Preußen, als "erster Mann im Staat", als einer, der entschieden je zugegriffen hat, wo es richtig, sinnvoll und nötig war.

Aber Jürgen Luh entfaltet vor den Augen des Lesers Seite für Seite ein anders Bild. Das eines Mannes, der teilweise mehr Glück als Verstand, besser als Charakter, besaß, auf diesem Weg der Staatsgründung inmitten eines Kontinents in intensiver Bewegung, einer Neuordnung der herrschenden Kräfte in Europa im 17. Jahrhundert, in der Umbruchphase zur "Neuzeit". Was Luh eloquent von Beginn an mit in den Raum setzt und in der Beschreibung der ersten Regierungsjahre, "auf der Suche nach seinem Platz in der Welt" bereits in den prägenden Zügen dieser Persönlichkeit aufweist.

"…war von dem Selbstwertgefühl, das ihn in den Niederlanden auszeichnete und dass ihn lange erfüllt hat, nichts mehr zu bemerken". Niedergeschlagen, durchdringend kleinmütig und ohne Glauben an sich selbst, das sind die charakterlichen Eigenschaften, die den großen Kurfürsten zu Beginn seines regierenden Wegs als Person kennzeichneten. Düstere innere Befindlichkeiten, die Friedrich Wilhelm allerdings durchaus, so nötig, gut verbergen konnte. Wie ein Portrait des Mannes aus jener Zeit aufzeigt. Energisch die Hand auf die Hüfte gestützt und in vollem Ornat ist es der Gesichtsausdruck, der eine ganz andere Sprache als die einer mutigen Entschlossenheit widerspiegelt.

Klug also für den jungen Regenten, sich Rat und Hilfe zu suchen und nicht zu stolz gegenüber Ratschlägen zu sein. Sei es von den Frauen seiner Verwandtschaft (denen er Zeit seines Lebens mit Dankbarkeit dafür begegnete), sei es durch den Generalmajor von Wedel, der ihm die Grundzüge der notwendigen Politik und Handlungen mithilfe einer Denkschrift an die Hand gab. Was zu jener konkreten Art und Weise des Herangehens an "staatliche Geschäfte" führte, die Friedrich Wilhelm später auszeichneten. Sich immer erst überaus gründlich zu informieren, ehe er eine konkrete Richtung einschlug. Mit dem Nachteil, auch in "heißen Situationen" eben nicht mutig zuzufassen, sondern sich grundlegend nicht selten schwer damit tat, überhaupt eine Entscheidung zu treffen.

Mit im Übrigen auch schwierigen Entscheidungen dann, die ihn nicht selten in Europa eher isolierten (konfrontativ gegen Kaiser und Reich, sich eng anschließend an Frankreich, das ihm den Ruf einbrachte, kein Teil Mitteleuropas zu sein, sondern ein "Gefolgsmann der Türken und Franzosen). So wundert es nicht, dass auch im Alter der große Kurfürst weiterhin keine "strahlende Persönlichkeit" war, sondern durch Enttäuschungen sich verbittert zeigte und "von schwerer Sorge niedergedrückt". Bis hin dazu, selbst am Ende seiner Tage eine "verwirrende Nachfolgeregelung" zu treffen.
Fazit
Akribisch geht Luh dem Leben des Mannes nach, erweitert dabei den Blick des Lesers auf die komplexen Verhältnisse in Europa mit den rasch wechselnden Fronten von Freund und Feind und bietet ein differenziertes Bild der Gründung Preußens und seines Gründers, der scheinbar manches Mal mehr Glück als Verstand hatte auf dem Weg, einen funktionierenden Staat inmitten vielfacher politischer Interessenslagen zu gründen und zu bewahren.
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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 31. Januar 2020

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