James Wood: Upstate

Upstate

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-498-07406-7

Preis: 22,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 25. Februar 2020]
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Der pensionierte englische Immobilienmakler Alan Querry plant in beißender Winterkälte einen Besuch bei seiner jüngeren Tochter Vanessa, die schon lange in Upstate New York in den USA lebt. Die Familiengeschichte der Querrys ist geprägt vom frühen Tod von Alans Frau, dem Heimaufenthalt seiner betagten Mutter und einer Vorgeschichte von Depressionen bei Alans Vorfahren. Alan lebt inzwischen mit einer erheblich jüngeren Partnerin zusammen, die ihn spürbar vor Alter und Einsamkeit bewahrt. Die ältere Tochter Helen arbeitet in der Musikbranche, ist trotz kleiner Kinder beruflich oft in New York und hat geschickt ein Familientreffen bei Vanessa und ihrem Partner geplant. James Wood erzählt detailreich und empathisch über die Querrys und erzeugt so den Eindruck, seine Leser würden authentisch in allen Einzelheiten über die Familie informiert. Doch beim Lesen schleicht sich der Eindruck ein, dass sich unter Woods leicht ironischem Ton etwas Düsteres verbirgt, das ein Familienbesuch allein nicht lindern wird.

Alans Erinnerungen an seine Kindheit in Newcastle drehen sich u. a. um bittere Armut. Seine Mutter und Großmutter hatten sich gegenseitig in eine Depression getrieben und wenn Vanessa über ihre Arbeitsbelastung klagt, ist das für ihren Vater stets ein Warnzeichen, dass sich Schlimmeres anbahnen könnte. Sein Familienbesuch hat offenbar den ernsten Hintergrund, dass Alan sich an Ort und Stelle überzeugen will, ob es Vanessa gut geht, genauer, ob es ihr in den USA mit diesem Arbeitsplatz und diesem Lebenspartner gut geht. Auch Vanessa hat eine Vorgeschichte von Zusammenbrüchen, die beim genaueren Hinsehen einseitig zu Lasten ihrer älteren Schwester gingen. Helen setzte sich bei Vanessas Schuldirektorin für sie ein, half und organisierte und war fortan auf die Rolle der stabilen, willensstarken Schwester festgeschrieben. Wie unterschiedlich Alan seine Töchter bis heute behandelt, könnte noch immer Sprengstoff für eine Familienkrise bereithalten.

James Wood führt seinen alternden Protagonisten in ein Land, in dem zwar oberflächlich gesehen auch Englisch gesprochen wird, tatsächlich sieht Alan sich einer völlig anderen Kultur gegenüber, an der er allerlei zu kritisieren hat. Alan muss sich mit seinem Altern auseinandersetzen und allmählich damit, dass aus seiner Sicht für seine jüngere Tochter offenbar nie ein Mann gut genug sein konnte. Helen arbeitet in einer Branche, um die man sie beneiden könnte, die ihr als Mutter kleiner Kinder jedoch gerade den Teppich unter den Füßen wegzieht. Vanessas Partner Josh stellt die Verknüpfung zur Szene der jüdischen Intellektuellen in den USA dar und symbolisiert damit letztlich die Unvereinbarkeit zwischen Briten und Amerikanern.
Fazit
James Wood schreibt teils poetisch, teils so authentisch wirkend, dass ich mir unbedingt wünschte, genauso müssten die Ereignisse gewesen sein. Er zeigt eine von Depressionen beherrschte Familienkonstellation als höchst labile Beziehung, die sich auf den Pfeiler psychische Erkrankung stützt und beim kleinsten Windhauch aus dem Gleichgewicht geraten kann. Bildhafte Landschaftsbeschreibungen, psychologische Tiefe und besonders die berufliche Situation der Querrys fügen sich zu einem dicht erzählten Roman, den ich uneingeschränkt empfehlen kann.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 22. Januar 2020

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