Kit de Waal: Die Zeit und was sie heilt

Die Zeit und was sie heilt

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-498-07405-0

Preis: 22,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 27. September 2020]
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Mona geht auf die 60 zu und verschickt seit vielen Jahren aus ihrem Laden in einem kleinen englischen Küstenort Künstlerpuppen in alle Welt. Mit großer Liebe stöbert Mona auf Flohmärkten nach historischen Stoffen und Kleidungsstücken, aus denen sie stilsicher für jede Puppe historisch authentische Kleidung schneidert. Die Puppenkörper liefert "der Tischler", dessen Name lange nicht genannt wird und der Mona gegenüber sehr ergeben wirkt. Ausgelöst durch ihren bevorstehenden Geburtstag und weil ihre langjährige Mitarbeiterin Joley kündigen wird, ist Mona frisch mit ihrer lebenslangen Einsamkeit und der Endlichkeit ihres Lebens konfrontiert. Der kleine Ort steht unmittelbar vor dem wirtschaftlichen Niedergang; denn Touristen reisen zwar zum Sightseeing an die Küste, geben aber zu selten Geld in den kleinen Läden aus.

Kundinnen, die Monas Laden betreten, sind häufig von Gayle aus deren Selbsthilfegruppe in der Kirchengemeinde zu ihr geschickt worden. Zwischen den Frauen scheint eine intuitive Verbindung zu bestehen, Mona weiß immer, warum eine Frau den Laden betritt. Mona war selbst einmal Teilnehmerin in Gayles Gruppe. Von Mona erhalten diese Frauen ein anteilnehmendes Gespräch und später eine hölzerne Puppe, die dem Geburtsgewicht des totgeborenen Kindes jeder Frau entspricht. Monas Zuwendung ist ein Geschenk und man ahnt als Leser früh, warum sie sich dazu verpflichtet fühlt. Das Gewicht des Kinderkörpers im Arm soll nachträglich die Verletzungen heilen, die Gayles Teilnehmerinnen nach einer Totgeburt erlitten haben, weil ihr totes Kind fortgetragen und heimlich beigesetzt wurde, bevor sie von ihm Abschied nehmen konnten. Häufig wühlt die Selbsthilfegruppe oder ein Treffen einer Mutter mit Mona gerade bei betroffenen Vätern ein Erlebnis wieder auf, das Männer selten ohne therapeutische Hilfe verarbeiten können.

Während Mona in der Gegenwart einen ungewöhnlich gut aussehenden Mann kennenlernt, erzählen Rückblicke von ihrem eigenen Schicksal und der befremdlichen Heimlichtuerei, mit der in ihrer irischen Heimat totgeborene Kinder fortgeschafft wurden. Eine Gesellschaft, sonst in jeder Frage fest in Rituale der katholischen Kirche eingebunden, hat hier eine Lücke gelassen und die betroffenen Eltern schamhaft allein gelassen. Mittelpunkt von Monas Erinnerungen ist eine einfache Stoffpuppe, die sie gemeinsam mit ihrer Mutter vor deren frühem Tod nähte. In Monas Familie war der Umgang mit Zeit traditionell ein Thema. Von Bridie O’Connor, einer Verwandten ihrer Mutter, sagte man, sie könnte Zeit strecken. Auch Mona scheint in ihren Erinnerungen die Zeit zu strecken, um die Abschiede und Trennungen ihres Lebens zu verarbeiten. Mona heilt auch sich selbst, in dem sie betroffenen Frauen ihre Zeit schenkt. Vielleicht wird sie sich eines Tages eingestehen, dass die Zeit eben keine Wunden heilt und manche Person für Entscheidungen büßt, die sie selbst nicht getroffen hat.
Fazit
Wie in einem Puppenhaus betrachtet die Autorin in einem kleinen Dorf Armut, Emigration, Heimweh, Scham und das Hadern mit Entscheidungen, die man evtl. noch unbedarft in jungen Jahren traf. So verdienstvoll es ist, das Thema Verwaiste Eltern in den Mittelpunkt eines Romans zu stellen, so sonderbar finde ich es, dass in der Gegenwart eine Betroffene ohne Supervision oder Austausch unter Kolleginnen privat therapeutische Gespräche führt. Aufmerksame Leser können in Kit de Waals berührendem Buch zwar - abschreckende - Beispiele finden, wie eben nicht mit verwaisten Eltern umgegangen werden sollte, etwas größere Distanz der Autorin zu wenig hilfreichen Allgemeinplätzen hätte ich mir hier jedoch gewünscht.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 22. Januar 2019

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