Klaus Bergdolt: Kriminell, korrupt, katholisch

Kriminell, korrupt, katholisch

Verlag: Franz Steiner Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-515-12123-1

Preis: 32,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 23. Januar 2019]
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Die Ambivalente Haltung zu Italien

Italien, das "Terrain, wo die äußersten Grenzen des großen Schönen und des großen Fürchterlichen aufeinanderprallen".

Das scheint sich in den Köpfen gerade des Nordens und speziell des "reformierten Deutschlands" nicht von ungefähr über Jahrhunderte hinweg festgesetzt zu haben. Von mäßigender Toleranz (die wunderbaren Kunstwerke der Antike und Renaissance als "Erbe" im Blick auf die (damalige) Gegenwart von Analphabetentum und Katholizismus mit strenger Hand) bis hin zu blanker Ablehnung (sehr spannend zu lesen, was sich da alles fast an Haß auf Italien seit 1800 vermehrt zu Wort meldete) und selbst ein Goethe, der seine Italienreise als Höhepunkt seines Lebens mit betrachtete, ist nicht frei von Abfälligkeiten.

Einerseits also "La dolce vita" und ein wenig daran teilnehmen als kühler und effizienter "Norde" mit München oder gar Bonn als "nördlichste Stadt Italiens" im Sinn, andererseits massive Ablehnung gegen den "Schlendrian", die "Bettelei" bis dahin, dass der ein oder andere bekannte Name (und fast alle, von Heinrich Heine bis Thomas Mann waren inspiriert von Italien) lieber seine Gattin zu Hause ließ, damit dieser keine Gefahr von den lauten, schmutzigen und aufdringlichen, bigotten und sündigen Bewohner des schönen Landes hinter dem Brenner drohte.

"Papismus", "Aberglaube", "Sittenlosigkeit", Stichworte nicht nur der Zeit um 1800 herum, sondern, wie Bergdolt aufweist, bis in die Gegenwart hinein mit dem "Nord-Süd-Gefälle", zumindest dessen Behauptung, in der EU.

Dass all dies auch und gerade religiöse Wurzeln besitzt, dass das "vernünftige, effiziente und bürgerliche Christentum des Protestantismus" sich massiv gegen das "Welsche, Katholische" richtete, dass eine "Arbeitsethik", später von Max Weber umfassend betrachtet und formuliert sich nicht nur aus dem wirtschaftlichem, sondern auch aus dem künstlerisch-intellektuellem Gefühl der Überlegenheit heraus speiste ("Am deutschen Wesen soll die Welt genesen), auch das ist zwar nicht unbekannt, aber überaus interessant, es konzentriert und auf den Punkt gebracht noch einmal sich vor Augen zu führen.

Und das dann als Verallgemeinerung weiter und weiter gesteigert.

Man schätzte "eine modernere, freiheitlichere und bürgerlichere Gestalt des Christentums" (die im Übrigen überaus passend für die beginnende Industrialisierung und die Priorisierung von Profiten sich darstellte), wogegen der "Katholizismus mit einer feudal-ständischen, mittelalterlichen Welt (und damit Rückschrittlich)" gleichgesetzt wurde.

Bis dahin, dass die ersten Gastarbeiter entsprechend "herablassend" empfangen wurden als Menschen zweiter Klasse eben, die nur einfachste Arbeiten übertragen bekommen konnten, auch aufgrund einer (vermuteten) Unzuverlässigkeit im Wesen und in der Einstellung zur "harten Arbeit".

Arroganz und Verachtung, das ist für Bergdolt eine nicht zu unterschätzende, deutsche Haltung Italien gegenüber, der er natürlich auch differenziert andere Haltungen gegenüberstellt und damit aufmerksam macht auf eine wohl "Grundstörung" des deutsch-italienischen Verhältnisses, derer man sich ans ich und in ihren Wurzeln bewusst sein sollte für das auch verbindende, Gemeinsame der Moderne.
Fazit
Ein anregende, nicht immer einfache, teils durchaus auch provozierende Lektüre, die in sich geschlossen am Ende viele Informationen und Hinweise in sich trägt.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 07. Januar 2019

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