Christan Torkler: Der Platz an der Sonne

Der Platz an der Sonne

Verlag: Klett-Cotta Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-608-96290-1

Preis: 24,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 28. September 2020]
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Die Welt andersherum

"Er guckte bedeutungsvoll in die Runde. Als ob wir nicht gewusst hätten, was als Nächstes kam. – Arbeite, arbeite, arbeite!".

So der O-Ton des Direktors der Schule, die Josua besucht. In einer Welt, die wie die gewohnte eigentlich funktioniert, nur umgekehrt. Das, was in der Realität arm ist (Afrika), ist in der Welt Torklers reich, was reich ist, demgegenüber arm. Ein Deutschland, das in Berlin, wo Josua aufwächst, eher dem Mief der 50er Jahre entspricht und sich mehr schlecht als recht als Kleinstaat durchs "Weltgeschehen" schlägt. Da, wo Mütter "Muttchen" heißen, wo in zwei Zimmern aus Geldnot gehaust wird, wo eben jenes "Arbeite, arbeite, arbeite" völlig unsinnig wirkt, denn durch Fleiß und Arbeit kommt in diesen Umständen niemand nach oben oder wenigstens gut über die Runden. In Kreißsälen, wo 30 Frauen gestapelt liegen und, wenn es soweit ist, nur mit Glück eine Schwester oder ein Arzt zu finden sein werden. In der gute "altdeutsche Namen" zu wählen sind und eine Taufe auf den Namen Josua bereits Unmut in der Schar der Gläubigen im Tauf-Gottesdienst hervorruft.

Kein Wunder, dass die Träume der jungen Leute sich auf die Sehnsuchtsorte jener anders gelagerten Welt richten, zur echten "Sonne", die in Afrika im wörtlichen und übertragenen Sinne scheint. Denn "die Partei", die diffus "das Sagen" zumindest in Berlin hat, hat den "Tag der nationalen Einheit" schon vor Jahren abgeschafft. Und auch die periodisch auftretende Bereitschaft zur "Entwicklungshilfe" durch die afrikanischen Potentaten bewirkt nichts anderes als ein Versickern der Geldmittel. So verwundert es nicht, dass die S-Bahn in Berlin weder Bahnhöfe noch Gleise noch funktionsfähige Wagen besitzt, sondern allein "Klapperbusse" für den Transport von Menschen sorgen, wie es eben in der realen Welt in weiten Teilen Afrikas der Fall ist.

Aber Josua war und ist anders als all jene, die sich herein fügen in das "Schicksal". Er bricht auf, wagt die Flucht, und erlebt, was Millionen von Menschen heutzutage bewegt. Die Aussichtslosigkeit der Heimat und der verzweifelte Schritt zum gelobten Land, dass einen nun aber nicht unbedingt haben will. Bis zum ernüchternden Ende, als es fast schon geschafft scheint und doch trübe Aussichten im Raum stehen.
Fazit
Eine interessante Konstellation, die allerdings an nicht wenigen Stellen eher stereotyp dargestellt wirkt und zudem einiges an Konzentration erfordert, die verschiedenen Zeitstränge im Buch auseinanderhalten zu können und ein Werk, dass gerade in der ersten Hälfte einige Längen aufweist. So verbleibt eine gute Idee mit einigen spannenden, auch anrührenden und aufrüttelnden Flucht-Szenen und das Wissen darum, das auch einiges an Glück und Zufall dazugehört, dass sich eine Gesellschaft konstruktiv entwickelt.
6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 26. Oktober 2018

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