Hao Jingfang: Wandernde Himmel

Wandernde Himmel

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Science Fiction
ISBN-13 978-3-499-27418-3

Preis: 16,99 Euro bei Amazon.de [Stand: 23. Oktober 2018]
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Im Jahr 2096 hat die Menschheit offenbar das Wasserproblem gelöst und den Mars besiedeln können, konzentriert auf Mars-City. Weil den Siedlern nur Sand und kein Stein zur Verfügung stand, wurde das Baumaterial Glas intensiv erforscht und entwickelt.

Das Raumschiff Maerde ist auf dem Heimweg zurück zum Mars, an Bord sind 120 Besucher einer geplanten Marsmesse und 20 Schüler der Gruppe Merkur, die nach 5 Jahren von einem Schüleraustausch auf dem Planeten Erde zurückkehren. Eine der Schülerinnen ist die 18-jährige Tänzerin Luoying Sloan, die beim Anflug auf ihre Heimat grübelt, warum sie trotz schlechter Testergebnisse für den Austausch ausgewählt wurde. Wie gegensätzlich die politischen Systeme auf Erde und Mars sind, ist Luoying vermutlich erst aus eigener Anschauung auf der Erde klar geworden. Dort unten herrscht knallharter Kapitalismus, jeder muss gegen jeden um Arbeit, Wohnung und Erfolg kämpfen. Auch wenn Shopping als Lebensinhalt die junge Frau eher abstößt, kann sie sich nur schwer vorstellen, sich nun wieder in das rigide System im Stil der chinesischen Danwei/Arbeitseinheit einzufügen, einem alles andere als utopischen Konzept des 20. Jahrhunderts. Von der Einschulung bis zum Tod wird für die Bürger des roten Planeten von der guten Mutter Danwei alles geregelt. Daten, Kunstwerke, Filme über sie und von ihnen sind in der allwissenden Cloud gespeichert, über die wiederum strenge Zugangsregeln verhängt wurden. Luoying möchte sich für keins der Systeme entscheiden, sich als Künstlerin frei entfalten wie die Erdbewohner, aber trotzdem staatlich finanziert werden. Da ihr die Nachteile allumfassender staatlicher Fürsorge allmählich klar werden, zögert sie noch, sich in einer Einheit für Künstler zu registrieren.

Luoying ist nach dem Tod ihrer Eltern bei ihrem Großvater Hans aufgewachsen, dem Generalgouverneur des Mars. Nachdem sie ihre prägenden Jahre auf der ihr fremden Erde verbracht hat, möchte Luoying endlich wissen, wie ihre Eltern ums Leben gekommen sind und sie hinterfragt erstmals die Rolle des Großvaters als Staatschef. Für ihr Alter und nach Jahren in einem konkurrierenden politischen System wirkt Luoying für Europäer schwer vorstellbar naiv und unselbstständig. Man fragt sich, wofür sie ihren privilegierten Status auf der Erde eigentlich genutzt hat. Die Austauschschüler sehen sich ausdrücklich als Jugendliche. Dass eine konkrete verantwortliche Rolle für sie auf dem Mars nicht geplant ist, ist genau das Problem dieser Community. Alles Weitere regelt die Einheit für sie …

Eine Gruppe zunächst dezent kritischer 18-Jähriger tritt den herrschenden 60-jährigen - Männern - gegenüber, die den Kontakt zu ihren Bürgern längst verloren und ihr heimeliges Danwei-System bisher nie infrage gestellt haben. Mit Igor, Luoyings Bruder Ronny und dem Einzelgänger Dr. Renny treten weitere interessante Figuren auf. Charakteristisch finde ich das Fehlen der mittleren Generation, deren Mitglieder vermutlich im Krieg zwischen den Planeten umgekommen sind. Die Jugendlichen haben die Auseinandersetzungen mit der Elterngeneratin während der Pubertät offenbar ausgelassen. Persönliche Befindlichkeit und Varianten von Freiheit stehen im Mittelpunkt der Handlung, die technischen Voraussetzungen für das Leben auf dem Mars spielen eine Nebenrolle.

"Wandernde Himmel" erschien laut Nachwort zunächst in zwei Bänden. Der ehemalige Band 1 "Die wandernde Maerde" entspricht in der vorliegenden Ausgabe dem längeren ersten Teil "Rückkehr auf den Mars". Band 2 "Rückkehr auf die Charon" wurde in dieser Ausgabe zu den kürzeren Teilen 2 "Der einsame Planet" und 3 "Die Welt von Morgen". Im ersten Teil erzählt ein allwissender Erzähler von der Heimkehr Luoyings auf ihren Heimatplaneten. Mit ihr können sich sicher viele Leser identifizieren, auch wenn ihre Naivität und das Fehlen konkreter Ziele schwer auszuhalten sind. Die Sprache wirkt blumig-ausufernd, bisweilen pathetisch, die Realität verharmlosend, stets bedacht, sich nicht festzulegen - indirekte Kommunikation wie aus dem Lehrbuch. Obwohl ihr Großvater Weltbürger zu sein scheint, denkt und spricht Luoying, als wäre sie ausschließlich von chinesischen Kindermädchen aufgezogen worden. Einige der benutzten Weisheiten sind geflügelte Worte der Gegenwart (Z. B. Du musst den Leuten zuallererst einen Schuldigen präsentieren, die Katastrophe ist Nebensache). Sie ließen sich perfekt für die Schulung von Europäern einsetzen, wie China tickt.

Im zweiten Teil werden historische und wirtschaftliche Grundlagen, sowie Einblicke in den Alltag ergänzt, die mich bereits zu Anfang interessiert hätten, wie z. B. die Eigenheiten eines Wüstenstaates. Die Mitglieder der Gruppe Merkur arbeiten nun ihre jeweiligen Reform-Vorstellungen heraus, mit dem Ziel, gemeinsam das erstarrte System der Generation Sloan zu bekämpfen. Im dritten Teil sind die strategischen Fehler der Generation Sloan so wenig zu übersehen wie die Gemeinsamkeiten zwischen der Staaten Mars und Erde des Jahres 2096 und den heutigen politischen Verhältnissen.

Zuallererst bietet das Buch seinen chinesischen Lesern vertraute Konzepte (Danwei, klassisches Hofhaus als optimale Bauweise). Es entlarvt gerade für sie die fatalen Folgen davon, wenn Schüler nur Informationen bunkern, die sie weder einordnen noch beurteilen können. Beeindruckt bin ich, wie viel Technologie- und Kapitalismuskritik aus chinesischer Perspektive im SF-Roman möglich ist.
Fazit
Die Ähnlichkeiten der Verhältnisse auf dem Mars der Zukunft mit diversen Staaten der Gegenwart im Jahr 2018 sind verblüffend, allen voran Deutschland. In einer Soft-Science-Fiction-Handlung liefert Hao Jingfang eine ruhig erzählte, glasklare Anleitung, wie alternde Politiker ihren Staat ruinieren werden, wenn sie sich weiter an ihr Amt klammern, Frauen und junge Bürger von Verantwortung fernhalten und nicht mehr mit denen sprechen, die sie regieren.
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 02. Oktober 2018

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