Steve Earle: I'll never get out of this world alive

I'll never get out of this world alive

Verlag: Karl Blessing Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-89667-463-0

Preis: 1,17 Euro bei Amazon.de [Stand: 04. Dezember 2016]
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Die Geister, die man rief.....

Der Titel des Buches ist der gleiche wie jener der letzten CD, die Steve Earle auf den Markt gebracht hat. Und dass scheint kein Zufall zu sein, denn in beiden Werken geht es um den Geist der Vergangenheit. Das Lebensgefühl, Protagonisten einer Zeit, die Earle durchaus beeinflusst haben, nicht nur musikalisch, sondern, wie jetzt zu lesen, auch biographisch. Und natürlich stimmt der Titel in jeder Hinsicht. Nicht nur, was den ein oder anderen Protagonisten des Buches angeht. Niemand kommt lebend aus dieser Welt heraus. Wie er aber sich in dieser Welt innerlich positioniert, dass ist eines der wesentlichen Themen des Romans.

Angesiedelt in den frühen 60er Jahren des letzten Jahrhunderts begegnet die heimliche Hauptperson des Buches, Graciela (= Grace = Gnade) dem vordergründigen Protagonisten "Doc" Ebersole im Rahmen seiner "Berufsausübung". Doc führt vor allem Abtreibungen in einer Absteige in San Antonio, einem vergessenen Kaff in Texas, durch. Graciela ist gerade 18, hat ein einziges Mal einem Mann beigewohnt und wird nun von diesem zu Doc gebracht, um das Malheur zu beseitigen. Und verbleibt ihm aufgrund von Komplikationen für eine längere Zeit, als er dachte.
Ihm, der ganz unten angelangt ist, der seine Approbiation verloren hat, der, aus einer Ärztedynastie stammend, sich dem Rauschgift hingegeben hat und Abtreibungen und andere ärztliche Dienstleistungen unter der Hand anbietet, um genügend Geld für den täglichen Stoff zusammen zu bekommen.

Doc, welcher der Arzt von Hank Williams war und mit im Auto saß, als der bekannte Country Musiker starb. Und auch diesen wird Doc nicht wirklich los. Der Geist Hank Williams hat sich an Doc geheftet, nur er kann ihn sehen und hören. Oder sind das bereits Auswüchse seiner Drogensucht? Im Buch zumindest entwickelt der Geist ein durchaus reges Eigenleben und lässt so vor den Augen des Lesers auch einen guten Teil inneren Erlebens und äußerer Musikgeschichte defilieren. Und wird nicht nur für Doc sichtbar bleiben.

Als dann noch deutlich wird, dass Graciela über Kräfte verfügt, die nicht von dieser Welt scheinen, Kräfte, die durch körperliche Zeichen bekräftigt werden. Als mehr und mehr Menschen auf dieser untersten Sprosse der damaligen gesellschaftlichen Leiter ihr Leben ändern, landläufig "Wunder" geschehen, da taucht durchaus noch einmal in hintergründiger Form auf den Seiten des Buches genau jener "Geist der Zeit" der damaligen Jahre auf, von denen Steve Earle zu erzählen gedenkt. Wie aus einer festgefahrenen, aussichtslosen Situation, in klaren, festgelegten, gesellschaftlichen Rahmungen aus fast Hoffnungslosigkeit und "in den Tag hinein leben" neue Impulse erstehen. Fast ein Abbild der Entwicklung der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, innerhalb derer die so festgefügt erscheinende Nachkriegsgesellschaft einen rasanten Wandel erlebte.

Vor allem aber setzt Earle in kraftvoller, vielfältiger und in Teilen poetischer Sprache Personen auf einen inneren Weg, die allesamt fassbar erscheinen, die gelebt haben, deren Erfahrungen, Wunden, Resignationen und ebenso deren fast vergessene Hoffnungen Earle intensiv zu beschreiben versteht.
Es hat schon seinen Sinn, dass Hank Williams (noch) nicht zur Ruhe kommt. Es ist schon passend, dass die kleine Gruppe der Versprengten aus dem Ghetto eines Tages am Flughafen sich versammeln, um der personifizierten Hoffnung jener Tage, John F. Kennedy, einmal nahe zu sein. So dreht sich das Leben der handelnden Personen in unerwartete Richtungen, die den Geist von Hank, Doc und so manch anderen in San Antonio nichtunverändert lassen werden.

Dennoch kann man nicht daran vorbeisehen, dass die Geschichte selbst vor allem im zweiten Teil des Buches hier und da Verwirrung hinterlässt und ein roter Faden mehrfach aus den Augen gerät, dass dieser rote Faden ein wenig zerfasert.
Fazit
Das aber in weiterhin kraftvoller Sprache und immer wieder mit berührenden Momenten über die Hoffnung im Leben. Wie es Graciela ausdrückt: "Wir fahren dahin, wo wir gebraucht werden und wir werden so lange bleiben, bis der richtige Zeitpunkt zum Weiterziehen gekommen ist". So ist das mit der Hoffnung und Kraft zu einem besseren Leben und es bleibt abzuwarten im Buch, wen Graciela an welchen neuen Ort mitnehmen wird.
7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 21. Juli 2011

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