Andreas Föhr: Schafkopf

Schafkopf

Verlag: Droemer Knaur [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Thriller
ISBN-13 978-3-426-66398-1

Preis: 1,06 Euro bei Amazon.de [Stand: 11. Dezember 2016]
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Auftragsmorde in der bayerischen Provinz?

Leonhard Kreuthner kennt als Polizeiobermeister seine Pappenheimer im Großraum Miesbach-Tegernsee gut. Nicht die Reichen und Großkopferten, die dort ihre Villen haben, sondern die Anderen, die in verräucherten Wirtshäusern Schafkopf um hohe Einsätze spielen, nicht viel reden, aber schnell zulangen, wenn's Widerworte gibt oder die Laune einfach danach ist (ob es dann die Lebensgefährtinnen oder Münchner Tagesausflügler trifft, spielt dann kaum eine Rolle).
Kennt Kreuthner alle, machen ihm zur Zeit nichts. Er ist beschäftigt. Zum einen seinen Alkoholkonsum auf fast Null zu fahren (6 Halbe am Abend gönnt er sich nur noch und die drei Liter sind nichts gegen sein sonstiges Pensum), zum anderen mit sportlicher Ertüchtigung, denn aufgrund einer Wette hat er einen harten Wettkampf vor sich.

Auf seiner ersten Joggingtour, bergauf (wunderbar geschildert, wie er sich mit innerem Schmerz an den 14 Bildern der Kreuzwegstationen Jesus, die den Wegesrand säumen, vorbeiquält), begegnet er auf der Höhe Stasnislaus Kummeder, der dort mit seinem Freund ein Gedenken besonderer Art (wie jedes Jahr) zu feiern gedenkt. Abgelenkt von seiner körperlichen Schwäche und der Zurückgabe seines Frühstücks an Mutter Natur (dankenswerter Weise eine sehr diskret geschilderte Szene), bekommt Kreuthner kaum mit, wie neben ihm mit einem präzisen Kopfschuss aus gut 500 Meter Entfernung Krummeder getötet wird (hier wird die Szene bis ins Detail genussvoll geschildert).

Was steckt hinter der Tat? Was hat ein solch professioneller Schütze in der tiefsten, bayerischen Provinz zu suchen? Das sind die Fragen, denen im weiteren Verlauf der Geschichte die eigentlich zentrale Figur, Kommissar Wallner, nachgeht. Einer, der einen Mord als Störung der ruhigen Wasseroberfläche des Lebens betrachtet und mehr auf seine Intuitionen hört als auf das, was vordergründig im Raume steht. Nebenbei aber auch mit ausgeprägter Kontrollsucht versehen.

Anhand aber der Schilderung des Streifenpolizisten Kreuthner zu Beginn, der im weiteren Verlauf des Buches eher eine Nebenrolle einnimmt, wird bereits deutlich, wo die besonderen Stärken des Autors liegen.

Gemächlich fast schildert er ohne ablenkende Action-Sequenzen den Fall und die Untersuchung der Miesbacher Ermittler, angeführt vom schnell fröstelndem Wallner, der mit seinem frauenverstehenden Großvater zusammenlebt und sich alsbald selbst in einer Liaison wiederfindet. Eine Gemächlichkeit, die ihm wunderbar Gelegenheit verschafft, seine große Stärke, die überaus zutreffende und auf den Punkt gebrachte, Skizzierung von Personen in den Raum zu setzen.
Selten gelingt es einem Autor, das berühmte "Lokalkolorit" allein durch die prägnante Beschreibung der handelnden und beteiligten Personen fühlbar in den Raum zu stellen. Dazu passt, dass so manche seiner Dialoge umgangssprachlich gestaltet sind, sich dies aber weder aufgesetzt noch nervend, sondern organisch in Sprache und Stil in die Erzählung einfügt.

Die im Buch befindliche Schilderung des namensgebenden Kartenspieles ist eines der Beispiele für diese ausgeprägte Beobachtungsgabe des Autors und seine Fähigkeit, seine Betrachtungen der Menschen auf den Punkt sprachlich erlebbar auszudrücken.

Wer kennt sie denn nicht, jene Form der "harten Männer", die im Zentrum der Ermittlungen stehen? Woanders heißen sie eben Kirmesschläger, aber rohe Gewalt aufgrund mangelnder innerer Entwicklung, gerade auch den eigenen Frauen gegenüber, ist keine Seltenheit in bestimmten Kreisen. Diese Kreise aber auf den Punkt genau zu skizzieren, zudem auch den Hauptpersonen auf Ermittlerseite eine augenzwinkernde Tiefe zu verleihen (wunderbar, wie Wallner sein ganzes Team bei kühler werden Temperaturen auf der Terrasse des Berggasthofes zur Besprechung versammelt, jenes Team, dass eine Stunde zuvor bei Sonnenschein noch über seine Daunenjackenmarotte feixte, das hat einen mitreißend hintergründigen Humor).

Stilistisch wählt Föhr für sein Buch die Erzählung auf zwei Zeitebenen.

Zwei Jahre vor den aktuellen Ereignissen ist die Lebensgefährtin des Kummeder über Nacht verschwunden. Jeder, auch die Polizei, nahm an, dass sie die häusliche Gewalt nicht mehr aushielt. Aber nun stellt sich heraus, dass mehr, anderes dahinter steckte.

So verzahnt Andreas Föhr sehr gelungen die Schilderung der aktuellen Ermittlungen mit einer eingeschobenen Schilderung der Ereignisse um das Verschwinden der Frau herum und führt so Seite für Seite, mit aller Zeit des Autors, seinen Figuren, auch in Nebenhandlungen, noch eine Kontur mehr zu verleihen, den Leser zur, am Ende doch noch überraschenden, Lösung des damaligen und gegenwärtigen Falls.
Fazit
Wunderbar gezeichnete und auf den Punkt gebrachte Figuren bis in die Nebendarsteller hinein verleihen dem Buch Tiefe und Faszination. In ruhigem Tempo, mit bildhafter Sprache und großem Wortschatz erzählt, wählt Andreas Föhr traumwandlerisch sicher das je zur Szene passende Erzähltempo und zieht den Leser mit hinein in das Erleben der Bevölkerung rund um den Tegernsee und Miesbach. Ein anregendes Leseerlebnis.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne
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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 25. September 2010

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