Ian Kershaw: Hitler 1936 - 1945

Hitler 1936 - 1945

Verlag: Deutsche Verlagsanstalt [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-421-05132-5

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Bereits beim Lesen von Band 1 von Kershaws vielgelobter Hitler-Biographie (Verweis siehe unten) hatte mich Unbehagen erfasst und ich habe dies zu begründen versucht. Ich hatte gehofft, dass bestimmte Mängel, die ich in Band 1 kritisiert hatte (Wechselwirkung zwischen Persönlichkeit und Gesellschaft) in Band 2 behoben werden würden. Nun muß ich höchst enttäuscht feststellen, dass Kershaw dies nicht gelungen ist. Zwar hat er eindrucksvoll Quellen erschlossen, jedoch die Frage nicht beantwortet, wie Hitler möglich war und warum sein Erfolg so lange angehalten hat. Gerade ein Autor, der den Begriff des "Hitler-Mythos" geprägt hat und von charismatischer Herrschaft ausgeht, hätte untersuchen müssen, warum die Bindungskraft der Deutschen an Hitler (er spricht von einem "Führerstaat ohne anwesenden Führer") nachließ. Von der verlorenen Schlacht in Stalingrad kann man dies - der Autor hat dies selber getan - deutlich belegen. Sein Anspruch im Vorwort von Band 1, eine Biographie vorzulegen, die stärker die Wechselwirkung der strukturellen gesellschaftlichen Gegebenheiten und der biographierten Person berücksichtigt, ist der Autor nicht gerecht geworden. Gerade in Band 2 wird die Wechselwirkung von gesellschaftlichen Faktoren und Person wieder zugunsten einer traditionellen Hitler-Biographik aufgegeben. Er hat also nichts neues bewirkt. Etwas zweites kommt hinzu: Sebastian Haffner hat in seinen "Anmerkungen zu Hitler" - meiner Meinung nach das Beste, was je über Hitler geschrieben wurde (dies gilt auch nach Krockows: "Hitler und seine Deutschen") den Zusammenhang zwischen dem absehbaren Scheitern des Rußlandfeldzuges, der Kriegserklärung an Amerika und dem Beginn des Holocaust (Wannsee-Konferenz) nachgewiesen: Hitler sah im November 1941 endgültig ein, dass sein Krieg verloren und sein Ziel, die Weltherrschaft zu erringen, nicht zu realisieren war. Zeit brauchte er jedoch zur Realisierung seines zweiten Zieles: der Vernichtung der Juden: daher seine Durchhaltebefehle. Dieser Zusammenhang wird bei Kershaw nicht deutlich, obwohl der zeitliche Zusammenhang offensichtlich ist. Dies liegt meiner Meinung nach daran, dass sich Kershaw zu sehr auf die vorhandenen Quellen bezieht ohne Schlußfolgerungen daraus zu ziehen. Die Frage, warum Hitler möglich war und warum gerade die deutsche Spielart des Faschismus, der Nationalsozialismus, zu einer solchen Radikalität und Totalität sich entwicklen konnte, wird nicht genügend geklärt. Krockow etwa spekuliert in seiner neuen Hitler-Biographie, wenn Hitler 1938 einem Attentat zum Opfer gefallen wäre, er durch Göring ersetzt worden wäre und es keinen Krieg gegeben hätte. Wie man auch immmer zu dieser These stehen mag, es werden hier - wie bei Joachim Fest oder Haffner neue Antworten gesucht. Der Zusammenhang zwischen Gesellschaft und Person ist deutlicher in der Hitler-Biographie von Pätzold und Weißbecker herausgearbeitet; die Tatsache, dass Hitler ein "Revolutionär" war, findet sich bereits bei Haffner und Zitelmann. Wo also ist die Berechtigung, das "Neue" an dieser vielgelobten Biographie? Ich kann es nicht erkennen. Die Werke "Hitlers Macht" und "Der Hitler-Mythos" zeigen deutlicher die Bedingungen des Machtaufstieges dieser Person auf als die vorliegende Biographie. Außerdem müßte deutlicher herausgearbeitet werden, dass Hitler selber ein "starker" Diktator war und gegen seinen Willen nichts möglich war. Dass es in einem totalitären Staat, der noch dazu - im Vergleich zu dem vorherigen System - äußerst populär war (zumindest bis 1940) kaum möglich war, ohne Lebensgefahr aktiv Widerstand zu leisten - worauf auch Richard Löwenthal in dem Sammelband "Nationalsozialistische Diktatur: 1933-1945: eine Bilanz" / hrsg. von Karl Dietrich Bracher, Manfred Funke und Hans-Adolf Jacobsen (1983) hingewiesen hat, dürfte neben obrigkeitsstaatlichen Traditionen die Servilität der politischen Klasse gegenüber Hitler erklären, der die Träume der Bevölkerung (materielle Sicherheit, Beseitigung des "Schandflecks von Versailles", wirtschaftlicher Aufschwung) zunächst erfüllte, auf die Kershaw immer wieder hinweist, indem er das Zitat "dem Führer entgegenarbeiten" laufend zitiert. Wie gesagt, es handelt sich um eine Fleißarbeit und um eine eindrucksvolle Sammlung der bisher vorliegenden Forschungsliteratur zu dem Thema Hitler, ohne das Phänomen seines Aufstieges und Verbleibens an der Macht befriedigend erklären zu können. Ich bleibe bei der Aussage von Band 1: Wer die Wirkung Hitlers auf die Deutschen und die Frage, wie er möglich war, erklärt haben möchte, sollte in erster Linie zu Haffners "Anmerkungen zu Hitler" oder der Hitler-Biographie von Joachim Fest greifen. Die gesellschaftlichen Aspekte werden am besten in der Hitler-Biographie von Pätzold und Weißbecker abgehandelt.
Fazit
Also: Eine monumentale Biographie, die ihren eigenen Ansprüchen (eine Verkettung von Person und gesellschaftlichen Bedingungen des Aufstieges und der Wirkung Hitlers zu leisten) meiner Meinung nach jedoch nicht gerecht wird.
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 17. Mai 2003

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