Philosophicum Lech: Mut zur Faulheit

Mut zur Faulheit

Verlag: Paul Zsolnay Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-552-05889-7

Preis: 22,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 28. September 2020]
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Genau richtig für die Gegenwart

Effizienz, Einkommen, Arbeitszeitverdichtung, eine große Schar Langzeitarbeitsloser ohne allzu große Aussicht, noch mal auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Diskussion um Sozialleistungen bis hin zum bedingungslosen Grundeinkommen und, zudem, die "Arbeitswelt 4.0" vor der Tür, bei der große Unsicherheit herrscht, ob überhaupt noch ausreichend Arbeitskräfte benötigt werden, um das jetzige Lebensgefüge und die Struktur der Arbeitswelt als "Einkommensbeschaffung für das Leben" aufrecht erhalten zu können. Daneben die Statistiken der Gesundheitsforschung, in der immer deutlicher wird, dass moderne "psychische Zivilisationskrankheiten" wir "Burn Out" oder "Bore Out" sich quantitativ massiv verbreiten.

In einer Welt, die seit ehedem um den Faktor Arbeit, Leistung, Gelderwerb als Grundvoraussetzungen für das reine Überleben und als Orientierung für die Eingliederung des "Standes in der Gesellschaft" sich dreht. Dieses Protokoll der Jahrestagung des Philosophicums Lech bietet einen breiten Reigen je interessanter und individueller Betrachtungen des Themas. Sei es die "Austreibung der Faulheit", die in den letzten Jahrzehnten immens an Fahrt aufgenommen hat, bis hin in die Freizeit der Menschen, die kaum mehr zum "Dösen", sondern weitgehend vor allem zur "Selbstoptimierung" genutzt wird. Dabei kommen im Buch aber auch die "Wonnen der Arbeit" zu Wort, die (wunderbar zu lesen) Erfindung einer "Mußemaschine" (wenn der Mensch schon dazu nicht mehr in der Lage sein will, warum nicht die Muße digital delegieren?).

Nicht fehlen darf eine kritische Bewertung des Kapitalismus in seinen Widersprüchen, die ständig mehr offenkundig zu Tage treten oder auch die These vom "Konsum als Arbeit" (was noch ad hoc eher in den "Freizeitbereich" verortet werden würde, bei genauerem Hinsehen aber auch ein Teil der "Arbeit" ist, denn diese stellt vielfach Produkte her, die konsumiert werden müssen und damit den Konsum selbst als Teil des Produktionsprozesses originär mit einbindet). Und doch schwebt über allem jenes Thema, dass dem Werk den Titel gab. Das es eines gewissen Mutes Bedarf, faul zu sein, dass aber Faulheit nicht weniger bedeutsam für den Menschen als "Gesamtpaket" ist, als alle anderen Verrichtungen eines Lebens auch.

"Wer die Faulheit ernst nimmt und praktizieren will, verstrickt sich in einen performativen Selbstwiderspruch….(er) kann darüber nur wenig sagen, anderenfalls müsste er sein Anliegen verraten und fleißig werden".

Faulheit hindert. An jeder Form von Tätigkeit. Das wäre das Negative, was man sagen könnte. Sich aber selbst auszuhalten und eben nichts zu tun und damit dem inneren System Gelegenheit geben, sich selbst in Muße "in Ordnung zu bringen", das wäre ein unschätzbarer Vorteil. Und ein Gradmesser. Denn jeder Leser, jede Leserin kann umgehen selbst erproben und an sich messen, ob man denn mit sich allein auskommen könnte. Für einen Augenblick, eine Weile. Ohne Ablenkung. Ganz faul. Dass dies nicht die Regel ist, zeigt das inzwischen unendliche Angebot an Ablenkungen jeder Art, dass umfassend das allgemeine Leben mitbestimmt bis regiert.

Wobei es im Weiteren wichtig werden wird, genau zu schauen, was "Faulheit" eigentlich begrifflich genau bedeutet und ob das Glück, dass man sich allgemein in der Gegenwart eher durch "Arbeit" und "Erfolg" verspricht, nicht eher, oder auch anders, in der "Faulheit" zu finden sein könnte. Ebenso, wie geklärt werden wird, was das alles mit dem "Willen des Menschen" zu tun hat. Wann dieser "schwach" oder "stark" sei könnte und was eben dann "nicht naheliegende Folgen" sein könnten.
Fazit
Eine sehr zu empfehlende Lektüre in einer umfassend "tätigkeitsorientierten Welt". Infolge derer sich der Kernbegriff der "Unruhe" herauskristallisiert und dem Leser zur Reflexion bestens nahegebracht wird.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 25. März 2018

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