Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine steht auch das Verhältnis zwischen
Deutschland und Russland im Fokus. Zwar solidarisiert sich das Gros der
Deutschen mit dem angegriffenen Land, dennoch gibt es eine Reihe (lautstarker)
Stimmen, die der zunehmenden Distanzierung gegenüber Russland kritisch
gegenüberstehen. Das Auf und Ab der deutsch-russischen Beziehungen lässt sich
in vielen Epochen der Geschichte deutlich aufzeigen. In der jüngeren Geschichte
war es zumeist von Ablehnung oder gar Feindschaft geprägt. Mit Michail
Gorbatschow schien es eine Wende zum Guten zu nehmen - endlich. Zu Beginn seiner
Amtszeit verstand es auch Wladimir Putin, die Deutschen und die (West-)Europäer
von seiner Zugewandtheit zu überzeugen. Schien sein Auftritt 2001 im Deutschen
Bundestag ein Beleg für die wachsende Freundschaft zu sein, änderte sich das
spätestens mit seiner Rede auf der Münchener Sicherheitskonferenz im Jahre
2007. Heute wissen wir: Dort zeigte er - leider- erstmals klar und deutlich sein
wahres Gesicht.
Katja Gloger beschäftigt sich als Journalistin und Politikwissenschaftlerin
schon lange mit dem Verhältnis zwischen Russen und Deutschen. Gemeinsam mit
Georg Mascolo verfasst sie eine investigative Geschichte der (jüngsten)
deutschen Russlandpolitik. Mit dem rasanten Aufstieg Putins beginnen die Autoren
ihre Betrachtungen zu den deutsch-russischen Beziehungen. Sie sezieren das
Verhältnis beider Länder unter der fortwährenden Führung Putins in Russland
zu den wechselnden Regierungen in der Bundesrepublik. Dabei erweist sich der
russische Präsident als gewiefter Taktiker, der es anfangs versteht, nicht nur
die eigene Bevölkerung um den Finger zu wickeln, sondern auch internationale
Partner. Die Entwicklung zeigt, dass er Russland von einer jungen Demokratie zu
einer Autokratie umformte und international den Blick auf "den Westen"
von einem (scheinbaren) Partner zum Feind umlenkte.
Dabei spielen verschiedene deutsche Polit-Größen auch eine durchaus
entscheidende Rolle. Über Schröder, Merkel, Steinmeier und Scholz reicht diese
Facette. Der aktuelle Bundeskanzler Friedrich Merz findet ebenfalls Erwähnung,
aufgrund seiner bislang kurzen Amtszeit jedoch eher am Rande. Gloger und Mascolo
greifen bei ihren profunden Darstellungen und Erläuterungen auf eine solide und
gründliche Recherche zurück und belegen dies mit bislang ungenutzten Quellen.
Fazit
Das vorliegende Buch leistet einen wertvollen Beitrag zur aktuellen Diskussion.
Es ist spannend geschrieben, liest sich flüssig, eher fast wie ein Polit-Krimi.
Aufgrund exzellentem Hintergrundwissens werden zahlreiche Details besprochen und
kommentiert, ohne jedoch zu dämonisieren oder streng zu urteilen. Zweifelsfrei
ein Plus in der derzeitigen Lage.
Dennoch schreiben die Autoren das Buch (selbstverständlich) aus der
"Heute-Perspektive" und kennen den bisherigen Gang der Dinge. An der
ein oder anderen Stelle mag dies erkennbar werden, dennoch verzichten beide auf
ein "Bashing". Das Zitat des mittlerweile verstorbenen langjährigen
Bundestagsabgeordneten Dr. Wolfgang Schäuble bringt es m. E. treffend auf den
Punkt: "Wir wollten es nicht sehen." (vgl. S. 18). Nun hilft es
allerdings wenig in der aktuellen Situation den Blick nur in die Vergangenheit
zu wenden. Vielmehr stellt sich die Frage: Werden wir aus unseren Fehlern lernen
und welche Konsequenzen bedeutet das? In einer Welt des Umbruchs gibt es hierauf
keine einfachen Antworten.
Vorgeschlagen von Dietmar Langusch
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veröffentlicht am 02. Januar 2026 2026-01-02 19:15:38