Frank Ziebula: Der rote Judas

Der rote Judas

Verlag: Wunderlich [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Krimi
ISBN-13 978-3-8052-0006-6

Preis: 20,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 24. Februar 2020]
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Anfang 1920 ist zwei Jahre nach Kriegsende endlich ein Eisenbahnzug deutscher Soldaten aus französischer Kriegsgefangenschaft in Leipzig eingetroffen. Auch Major Paul Stainer kehrt zurück in den Polizeidienst und wird zum Kriminalkommissar befördert. Stainer ist mit Mitte 30 durch seine Kriegserlebnisse in Belgien bereits völlig ergraut und will sein Kriegstrauma durch Arbeit verdrängen. Wenn der Inhalt seiner Krankenakte als "Kriegsneurotiker" in der Dienststelle bekannt würde, würde er mit Sicherheit für dienstunfähig erklärt. Dass er bei der Arbeit ständig mit Opfern von Kapitalverbrechen und mit Schusswaffen konfrontiert sein wird, verdrängt Stainer zunächst. Doch seine Haut scheint ausgesprochen dünn und eine Behandlung seiner Erkrankung liegt außerhalb seiner Vorstellungen.

Wie alle anderen Rückkehrer brauch Stainer Arbeit, Geld und vielleicht bald eine neue Wohnung; denn seine Ehe mit Edith scheint am Ende zu sein. In den Wirren seiner Gefangenschaft und seines Aufenthalts in der Psychiatrie hat Edith Stainer seit Jahren nichts mehr von ihm gehört und hält ihn für tot. Heimkehrer und Kriegsversehrte prägen noch immer das Stadtbild Leipzigs. Es mangelt an Wohnungen und Arbeitsplätzen, die Heimkehrer betteln teils oder stehen bei der Fürsorgekasse um ihre Unterstützung an. Zu Stainers Verwunderung werden Straßenbahnen inzwischen sogar von Frauen gefahren.

In seiner frisch gegründeten Abteilung wird Stainer zunächst mit dem Mord am Gymnasiallehrer Jagoda konfrontiert, der ebenfalls versucht hatte, sein Kriegstrauma zu verdrängen. Jagoda hatte zusätzlich eine Mission, er wollte unbedingt Aufzeichnungen über Ereignisse an der Front in Belgien in die richtigen Hände übergeben und fühlte sich verfolgt von Leuten, die das mit allen Mitteln verhindern wollen. Als es zu weiteren Morden in der Villa eines wohlhabenden Fabrikanten kommt, scheinen beide Fälle gemeinsam auf eine groß angelegte Vertuschung von Kriegsverbrechen an der belgischen Zivilbevölkerung hinzuweisen. Ein Auslieferungsersuchen Frankreichs für Kriegsverbrecher liegt vor – und die Liste der Verdächtigen reicht bis ins Polizeipräsidium. Das ist kaum verwunderlich, denn Polizei und Militär waren schon vor dem Krieg eng miteinander verflochten.

Thomas Ziebula verknüpft in mehreren Handlungssträngen die Schicksale der Kriegsheimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg, der Mordermittler und von Frauen, die ihre Familie ernähren, während das Schicksal ihrer Männer noch ungeklärt ist. Wie sich die Wege der Beteiligten kreuzen erscheint mir glaubwürdig, aber auch Stainers Ambivalenz gegenüber einer therapeutischen Behandlung. "Der rote Judas" wirkt im Wortschatz jener Zeit und den Alltagsdetails sehr authentisch und wird dicht erzählt. Ziebula hat offenbar sorgfältig recherchiert, wie z.B. in den 20ern Täter und Ermittler an einen Tatort gelangt sein könnten, wie die Kraftdroschken und Straßenbahnen jener Zeit aussahen und gefahren wurden. Eine Übereinstimmung von Alltagsdetails mit Zeitzeugenberichten sorgt bei mir stets für besondere Spannung und mir gefallen Details wie Stainers Stenografieren. Vor 100 Jahren hatten Akademiker und Offiziere häufig Kurzgeschrift gelernt und gaben bei Bedarf ihre Aufzeichnungen zum Entziffern und Abtippen in den Schreibsaal. Auch die Arbeitssituation der Ermittler fand ich höchst interessant, die theoretisch schon von Methoden der Spurensicherung wissen, sie aber intern noch nicht gegen das Beharrungsvermögen mancher Kollegen durchsetzen können.
Fazit
Ausführliche Milieuschilderungen, der im historischen Krimi bisher unverbrauchte Schauplatz, ein für die Epoche authentischer Wortschatz und die Situation von traumatisierten Kriegsheimkehrern aus dem Ersten Weltkrieg ergeben einen fesselnden historischen Krimi, den ich gern empfehle.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 27. Januar 2020

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