Thierry-Maxime Loriot (Autor), Peter Lindbergh (Fotograf): Peter Lindbergh. A Different Vision on Fashion Photography

Peter Lindbergh. A Different Vision on Fashion Photography

Verlag: TASCHEN [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Dokumentation
ISBN-13 978-3-8365-5282-0

Preis: 60,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 13. November 2019]
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Was ist Schönheit? Was ist Wahrheit? Was ist Menschlichkeit? Das sind die zentralen Fragen, die Peter Lindbergh in seiner Sprache, der Fotografie, verarbeitete. Damit revolutionierte er nicht nur die Modefotografie, sondern setzte neue Maßstäbe bei den Schönheitsidealen...

Dieses schwergewichtige, 472 Seiten starke Werk 'A Different Vision on Photography' erschien zur gleichnamigen Ausstellung in der Kunsthal Rotterdam und zeigt die in den letzten 40 Jahren entstandenen, wichtigsten Arbeiten Peter Lindberghs, der in seinem Fach, der Porträt- und Modefotografie von vielen übereinstimmend als der Beste der Welt bezeichnet wird.

Präsentiert werden die Fotos wie in der Ausstellung selbst nach Modeschöpfern in alphabetischer Reihenfolge. Das Buch beinhaltet neben den oft ganzseitigen Abbildungen ein in jeweils englischer, französischer und deutscher Sprache verfasstes Vorwort von Emily Ansenk, der Direktorin der Kunsthal Rotterdam sowie ein Kommentar von Thierry-Maxime Loriot, dem Kurator der Ausstellung. Man erfährt alles rund um das Zustandekommen der Ausstellung sowie Einblicke in die Biographie, vor allem aber in die alles verändernde Denk- und Arbeitsweise des Künstlers: er ging nicht von der Mode aus, sondern von der Persönlichkeit des Menschen, die er in ihrer Vielschichtigkeit herausarbeitete.

Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen in Duisburg lernte er zunächst den Beruf des Schaufensterdekorateurs, den kreativsten Beruf, den er sich bis dahin vorstellen konnte. Nach einem Kunststudium und einigen Stationen u.a. in Deutschland, Frankreich und der Schweiz fand er dann schließlich zu seiner wirklichen Berufung - der Fotografie. Die Künstlichkeit der 80er- Jahre- Modefotografie hat ihn nicht interessiert, er setzte ein anderes Frauenbild auf den Titelseiten der weltweit wichtigsten Modemagazine durch.

Der Durchbruch gelang ihm 1989 mit dem Titelcover der britischen VOGUE, auf dem er erstmalig und nur mit weißen Herrenhemden bekleidet die späteren Supermodels Linda Evangelista, Karen Alexander, Christy Turlington, Estelle Lefébure, Tatjana Patitz und Rachel Williams auf einem Foto am Strand von Santa Monica fast ungeschminkt zusammenbrachte. Revolutionär nach der maskenhaften Schminke und dem Pomp der 80er Jahre. Eine neue Ära begann. Für die Frauen, für die Modefotografie und nicht zuletzt für ihn selbst.

"Was Lindbergh immer von anderen Fotografen unterschied war seine Art, Frauen zu idealisieren, denn für ihn stehen Seele und Persönlichkeit an erster Stelle", schreibt Thierry-Maxime Loriot. Mit seiner ihm eigenen Art kam er extrem nah an die Menschen heran, als ob es keine Kamera gäbe. Um Menschen so zu fotografieren, wie sie wirklich sind, war das Casting ein wichtiger Teil seiner Arbeit. So äußerte er sich einmal mir selbst gegenüber, dass er kaum oder ungeschminkte Gesichter und ein schlichtes Styling der Haare bevorzuge, um natürliche Schönheit und Authentizität zu unterstreichen. Die Gesichter seien dann "heruntergestripst auf die Schönheit".

Denn er wollte seine Models immer "absolut ehrlich" fotografieren, sie vom Schrecken des Jugendwahns und der Perfektion befreien. Lindbergh war davon überzeugt, dass Spuren des Alters ein Gesicht interessanter machen, da sie gelebtes Leben widerspiegeln. Umso verrückter befand er die Idee, diese in der Nachbearbeitung zu perfektionieren. Für den Starfotografen kam das einem Löschen aller Erfahrungsspuren eines Gesichts gleich, wie einer Verstümmelung. Sein Markenzeichen waren grobkörnige Schwarzweiß- Aufnahmen, bestmögliche Schärfe verachtete er. Auch bei der Umstellung auf die Digitalfotografie vor vielen Jahren blieb er seinen Stilmitteln treu. Ohne Farben ließe sich 'Wahrheit' in seinen Augen besser transportieren. Grautöne können sehr zärtlich wirken, wogegen die harten Schwarzweiß- Kontraste an die elementare Wucht des Ozeans erinnern.

Nach seinem viel zu frühen Tod mit 74 Jahren hinterlässt Peter Lindbergh uns ein opulentes Werk als Zusammenfassung seines Schaffens in der Modefotografie. Hochgelobt als der beste Mode- und Porträtfotograf des 20. und 21. Jahrhunderts bin ich sehr froh, diesen freundlichen, zugewandten und überaus höflichen Ausnahmefotografen persönlich kennengelernt zu haben. Auch wenn er selbst sehr bescheiden mit seinem Ruhm umging, konnte ich ihm entlocken, dass er den Ausstellungskatalog als gelungen betrachtete, und auch ich kann dieses Buch nur uneingeschränkt weiterempfehlen. Es macht neugierig, sich mit seinem Werk noch vertiefter auseinanderzusetzen, sei es in Museen, Ausstellungen, Büchern oder Filmen.
Fazit
Großartige, umfassende Retrospektive mit den wichtigsten Werken aus 40 Jahren Porträt- und Modefotografie des Starfotografen Peter Lindbergh. Haptisch, druckqualitativ wie inhaltlich ein außergewöhnliches Werk.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Vorderwülbecke [Profil]
veröffentlicht am 04. November 2019

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