Boris Reitschuster: Wladimir Putin: Wohin steuert Rußland

Wladimir Putin: Wohin steuert Rußland

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-87134-487-9

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Boris Reitschusters Putin-Biographie ist nicht nur die aktuellste, sondern meines Erachtens auch die bislang beste aller erschienenen Putin-Biographien. Der Autor zeigt eindeutig auf, dass sich Russland unter Putin auf dem Weg rückwärts in den autoritären "starken" Staat befindet und Putin eindeutig - wie übrigens auch Jurij Andropow - nicht zu den Reformatoren, sondern zu den Gegenreformatoren zu rechnen ist - wie Stalin oder Alexander III. Scharf kritisiert Reitschuster die Ausblendung der Realität in Rußland durch führende westliche Politiker, die die Realität - etwa des grausamen Tschetschenien-Feldzuges, nicht beim Namen nennen. Deutlich wird auch, dass Putin gegen die Oligarchen eingestellt ist. Putin hat auch alle Jelzin-Anhänger inzwischen ausgebootet. Nicht nur Jukos-Chef Chodorkowski befindet sich in Haft, alle wichtigen Oligarchen sind inzwischen entweder aus dem Land geflohen oder üben keinen politischen Einfluss mehr aus.
Wenn man sich den Alltag im Rußland Putins vergegenwärtigt (so schildert der Autor ausführlich im ersten Kapitel die verschärften Einreise- und Visabestimmungen, so fühlt man sich an das Rußland des Marquis de Custine von 1839 erinnert. Doch der Westen drückt ein Auge zu, weil er in Putin den Garanten von Stabilität sieht.

Zeichnet sich die im vergangenen Jahr erschienene Biographie von Timoschenko durch Schönfärberei aus, so bietet Reitschuster ein realistisches Bild der russischen Zustände unter Putin. Der Autor, Jahrgang 1971, kennt das Land seit anderthalb Jahrzehnten und lebt mit einer russischen Frau in Moskau seit 1990. Dies gibt dem packend und fesselnd geschriebenen Buch eine ungewöhnliche Authentizität. Mit enormer Einfühlungskraft beschreibt er das russische Dilemma: einerseits führt die scheinbare "Stärke des Staates" zu einem Ausbau von Bürokratie und Machtinstrumenten, anderererseits zu einer völlig korrupten Staatsmaschinerie, wie dies ja auch Kerstin Holm in ihrem hervorragenden Buch: "Das korrupte Imperium" gezeigt hat. Putin mag liberaler sein als andere Geheimdienstler, auf die er sich stützt: langfristig führt er - so zeigt Reitschuster korrekt auf - in die autoritäre Diktatur zurück. Aufgrund der Machtkonzentration, die in Rußland alleine beim Präsidenten liegt, kann auch nur dieser "Reformen von oben" durchführen - und genau dazu ist Putin nicht willens. Nach der Jukos-Affäre spräche wenig dafür, dass Putin noch als Modernisierer in die Geschichte eingeht - da hat Reitschuster sehr sehr recht. Die von anderen Biographen - etwa Alexander Rahr - herausgestellte Prägung durch den früheren Petersburger Oberbürgermeister Sobtschak, einem Demokraten, reichte nicht aus, Putins zweite Prägung durch den Geheimdienst, zu verdrängen. Eine Rolle für das autoritäre Weltbild des seit 2000 amtierenden Präsidenten ist sicherlich auch, dass Putin während der Periode Gorbatschows, die Rußland Glasnost und Perestroika brachte, in der DDR verbrachte - die diesen "Neuerungen" ablehnend gegenüberstand. Das Ende der Sowjetunion, so hat er schon zwei Tage vor Amtsantritt am 31. Dezember 1999 in einem Aufsatz betont, kann er nicht als Befreiung vom totalitären System erlebt haben. Als er nach Rußland zurückkehrte, war die "demokratische Aufbruchsstimmung" unter Gorbatschow bereits einer Enttäuschung über die neue Freiheit, der neuen "Zeit der Wirren" gewichen.

Genau darin liegt die Stärke des Buches: Putin, immer noch ein Rätsel für viele Politiker im Westen, wird "verstehbar". Auch seine heftigen Reaktionen beim Thema Tschetschenien, wo er nach wie vor einen brutalen Krieg führen läßt (vgl.: "Der Krieg im Schatten" / hrsg. von Florin Hassel, Suhrkamp-Verl., 2003) zeigt deutlich, dass Putin nichts von den Werten einer demokratischen Zivilgesellschaft verinnerlicht hat. Er sieht den Kampf gegen Tschetschenien als Kampf gegen die Terroristen. Doch müssen dafür ganze Dörfer ausgerottet werden? Es ist eine traurige Bilanz, die Reitschuster vom neuen "Putinesien" zieht - aber meines Erachtens eine realistische. Sie erinnert in der Tat sehr an die kritischen Betrachtungen des Marquis de Custine aus dem Jahre 1839. Wie wenig sich doch geändert hat in Rußland! Diesen Tatbestand zeigt eindrucksvoll das vorliegende Buch, welches auch eine Bilanz von 4 Jahren Putin enthält. Es ist daher aktueller als die - an sich ebenfalls sehr guten - Putin-Biographien von Alexander Rahr oder Wolfgang Seiffert, die im Jahre 2000 zum Amtsantritt Putins erschienen sind.

Leider fehlt eine Analyse der Putinschen Außenpolitik, die sich ja nach dem 11. September 2001 geändert und dem Westen angenähert hatte. Der eindeutige Schwerpunkt liegt auf der Innen- und Gesellschaftspolitik des Landes, um die These von Putins Rückkehr zum autoritären Staat zu illustrieren. Dennoch hätte ein Kapitel über die Putinsche Außenpolitik unbedingt in diese Biographie mit hineingehört. Dies empfinde ich als Manquo und vergebe daher nicht die volle Punktzahl.
Fazit
Dennoch insgesamt ein interessantes,sehr gut lesbares und spannendesBuch, welches ein desillusionierendes Bild des heutigen Rußland zeichnet.
7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 06. März 2004

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