André Kubiczek: Skizze eines Sommers

Skizze eines Sommers

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-87134-811-2

Preis: 19,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 05. Dezember 2016]
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Wenn ein Vater gleich für mehrere Wochen verschwindet und seinen Sohn allein mit einem großen Geldbetrag zurücklässt, denke ich automatisch an Herrndorfs Tschick. Doch André Kubiczeks sommerliche Liebesgeschichte aus der DDR der Vorwendezeit ist mit Tschicks tragikomischem Road-Movie nicht zu vergleichen. Sein Icherzähler Réné hat Sommerferien vor sich, die es so nicht wieder geben wird. In den Genuss einer sturmfreien Bude Marke DDR kommt er im Sommer 1985, weil sein Vater nach Überprüfung durch die Stasi am Gipfeltreffen Reagan/Gorbatschow in Genf teilnehmen wird. Die Mutter ist verstorben, ein Thema, an das der Junge ungern rührt.

Der Sechzehnjährige und seine Kumpels Michael und Dirk sind begeisterte Leser von Klassikern. Neue Welten tun sich in den Romanen auf und lassen den Wortschatz der Jungen explosionsartig wachsen. Die drei sind bei Lehrern gefürchtet; denn ihre von der Klassikerlektüre befeuerte Rhetorik ist im ostdeutschen Bildungssystem nicht vorgesehen. Der bürokratische Sozialismus legt besonderen Wert darauf, sich auch sprachlich von der "BeÄrrDeh" abzugrenzen, so absurd seine Wortschöpfungen auch sein mögen. Wer sich echauffiert, unterwandert damit schon rein sprachlich den Sozialismus. Die Jungs argumentieren weit weg von der erlaubten Norm; sie sinnieren, warum im real existierenden Sozialismus selbst Bücher längst verstorbener Autoren als Bückware unter dem Ladentisch für Klempner und Automechaniker zurückgelegt werden. Leser wie sie selbst gehen oft leer aus. Wie beinahe jede Ware muss in den 80ern-Ost selbst Papier knapp gewesen sein und der Lesehunger der drei Freunde bekommt dadurch etwas Dekadentes. Réné leistet sich zum Geburtstag von Papas Geld ein seltenes Werk Baudelaires, das offiziell nur in einem Exemplar auf dem ostdeutschen Markt zu bekommen ist.

Réné fühlt sich einsam in diesem Sommer. Viele Mitschüler sind verreist, er spürt aber auch die Sehnsucht nach dem einem Mädchen, das er erst noch treffen wird. Das Mädchen, dessen Namen er lange nicht kennt, "Fritzis große Schwester" liegt auf seiner Wellenlänge. Bianca findet Réné sympathisch, aber er liebt sie nicht. Mit Connie lassen sich wunderbar unkomplizierte und ereignislose Ferien bei ihrer Oma verbringen, im Rückblick eine besondere Zeit. Réné muss zunächst den kleinen, aber wichtigen Schritt wahrnehmen lernen zwischen Freundschaft und erster Liebe. Nach Überwindung seiner Einsamkeit erlebt Réné diese Liebe als Naturkatastrophe, für die er erst die passenden Worte finden muss.
Fazit
Unterlegt mit sortenreiner Musikspur West erweckt Kubiczek das Lebensgefühl im Potsdam vor der Wende zum Leben. Augenzwinkernd nimmt er aus der Sicht seiner Figuren auch die absurden Seiten ostdeutscher Schattenwirtschaft und sprachliche Eigenheiten der sozialistischen Klassengesellschaft aufs Korn. In origineller und einfühlsamer Sprache erzählt der Autor davon, wie aus Freundschaft erste Liebe wird. Eine Liebesgeschichte, die ich Lesern aller Altersgruppen gern empfehle.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 20. Mai 2016

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