Donna Tartt: Der kleine Freund

Der kleine Freund

Verlag: Goldmann Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-442-30668-8

Preis: 1,58 Euro bei Amazon.de [Stand: 26. September 2016]
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Selten ist mir die Lektüre eines Romans so mühsam gewesen und hat sich so lange hingezogen wie die des "Kleinen Freundes" von Donna Tartt. (Das war wohl umso mehr auch deshalb der Fall, weil ich gerade noch tief beeindruckt war von Charlotte Links in jeder Hinsicht ausgezeichneten Roman "Am Ende des Schweigens".)

Die Geschichte fängt spannend an. In Alexandria, einer Kleinstadt im Süden der USA, geschieht ein unfaßbares Verbrechen: Während der Vorbereitungen zum großen Muttertags-Festessen der Familie Cleve entdeckt eine Nachbarin den neunjährigen Robin Cleve erhängt an einem Baum. Die rätselhaften Umstände seines Todes werden nie ganz aufgeklärt, der Mörder bleibt unentdeckt. Als das geschieht, ist Harriet Cleve, Robins Schwester, gerade erst wenige Monate alt. Sie wächst also ohne persönliche Erinnerungen an ihren Bruder auf. Ihre Fragen nach seinem Schicksal bleiben, da sie bei der Familie alte Wunden aufreißen, stets unbeantwortet. Mit zwölf Jahren beschließt Harriet, der Sache selbst auf den Grund zu gehen, und sie macht sich auf die Suche nach Robins Mörder.

Meine Erwartung, sie möge ihn bis zum Ende der 763 Seiten irgendwann finden, bleibt allerdings leider unerfüllt. Noch weit mehr enttäuschend fand ich jedoch, daß diese Suche bereits nach dem Prolog völlig aus den Augen gerät. Bald hatte ich sogar den Namen des ermordeten Knaben vergessen, denn von ihm war keine Rede mehr. Stattdessen fand ich mich als Leser in einem Panoptikum von Bildern und Episoden wieder, die für sich genommen zwar unterhaltsam erzählt sind, aber für mich kein Ganzes bildeten. Mir fehlte der innere Zusammenhang, der aus Geschichten eine Geschichte macht. Ich vermißte Erzählstränge, die sich irgendwo zusammenfügen, und ich suchte vergebens nach dem Fortgang einer Haupthandlung. Aber ich vermochte keine sich entwickelnde und fortschreitende Gesamthandlung zu erkennen. Anfangs fragte ich mich noch bei jedem einzelnen Geschichtchen nach seiner kompositorischen und dramaturgischen Funktion für das Ganze, aber dann gab ich das auf. Eine übergreifende Romanidee ist mir bis zuletzt verborgen geblieben.

"Der kleine Freund" ist trotz seinem beachtlichem Umfang nicht der große Gesellschaftsroman, den Klappentext und Prolog erhoffen lassen. Er ist auch alles andere als ein Kriminalroman, der seine Leser bis zuletzt in atemloser Spannung hält. Er zieht sich in einem unverbindlichen Plauderton endlos dahin, so daß ich ihn eigentlich gar nicht einen Roman nennen möchte, sondern eher eine riesenhaft aufgeblähte Schilderung des Alltagslebens in den Südstaaten der heutigen USA. Dabei fließt zwar viel Lokalkolorit ein (auch sprachlich und stilistisch, denn viel zu oft für meinen Geschmack tauchen da solche Wörter auf wie das - unübersetzt gebliebene - "motherfucker" und "Scheiße"), aber das hat mich mit dem Fehlen eines "roten Fadens" natürlich nicht versöhnt. Die sich mir nicht erschließende Antwort auf die Frage, worauf denn nun eigentlich alles hinauslaufen sollte und was der Roman mit Robins Tod und seinem Mörder zu tun haben sollte, ließ in mir immer mehr die resignierende Langeweile um sich greifen. Das Buch hat nach dem Prolog noch sieben Kapitel. Hätte ich mich nicht verpflichtet, eine Rezension zu schreiben, würde ich es spätestens nach dem zweiten Kapitel aus der Hand gelegt haben.
Fazit
Quintessenz: Dieser Roman hat mir weit mehr Verdruß als Genuß bereitet. Aber wie subjektiv - und damit auch gegensätzlich - die Meinungen über ein Buch zuweilen ausfallen können, beweisen diese Sätze im Klappentext: "...ihr lange erwartetes zweites Buch begeisterte erneut Leser sowie Kritiker gleichermaßen."
1 Sterne1 Sterne1 Sterne1 Sterne1 Sterne1 Sterne1 Sterne1 Sterne1 Sterne1 Sterne
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Vorgeschlagen von Eberhard E. Küttner [Profil]
veröffentlicht am 10. Februar 2004

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