Paula Fox: Kalifornische Jahre

Kalifornische Jahre

Verlag: Berlin Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-8333-0829-1

Preis: 11,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 08. Dezember 2016]
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Orientierungslose Menschen

Die Nase über Wasser halten, dies scheint die Hauptbeschäftigung der vielen Protagonisten des Buches von Paula Fox zu sein, die ich um die Hauptfigur des Romans, Annie, herum gruppieren, ihren Weg kreuzen, verschwinden, wieder auftauchen. Alle mir irgendwelchen Plänen, letztlich aber doch fast durchweg innerlich wie auf der Durchreise, eines verbindlichen, äußeren Rahmens beraubt in dieser Zeit um 1940 herum in Los Angeles, Hoffnungsort für viele, an dem Wellen von Emigranten aus Europa angespült wurden, die kommunistische Partei versucht, Fuß zu fassen und ganz allgemein jeder irgendwie Geld auftreiben muss und so mancher und manche den stillen Traum des Entdeckt-Werdens träumt.

Natürlich trifft man hier und da im Buch auf die ein oder den anderen, der es "geschafft" hat (und dennoch sich einreiht in diese innere Leere, die fast allen Figuren des Romans zu eigen ist).

Und mitten drin Annie. Der Vater schon vor langem mit einer neuen Frau aus ihrem Leben verschwunden, die Mutter tot. Auf eine vage Hoffnung hin auf einen Mann Namens Walter, der sich als Seemann verdingt), reist Annie mit der einzigen Kleidung, die sie besitzt am Leibe, von New York nach Kalifornien, um Walter zu treffen. Richtet sich dort irgendwie ein, verbindet sich mit Walter, der fast umgehend wieder in See sticht und trifft Seite um Seite auf ein Kaleidoskop innerlich wie wild rudernd erscheinender Menschen mit diversen Macken, mit Schicksalen, mit um sich greifender Resignation.

""Mein Leben ist ein Schlamassel. Ich weiß nichts. Ich weiß nicht einmal, wie man sich die zähne putz. Es ist, als ob ich jeden Tag neu anfangen müssten, wie ein Neugeborenes. Man muss mich bei der Hand nehmen"", sagte sie (Annie) unglücklich.

Aber eigentlich, sieht man es recht, ist es eher Annie, die in einer Aneinanderreihung von Episoden viele andere an die Hand nimmt. Sei es Jake, der sich in sie verliebt und ihr die Jungfräulichkeit nimmt, sei es Max, der als Parteifunktionär mehr und mehr in Zweifel gerät, seien es Mitbewohner, Freundinnen, sei es ihr reicher Onkel, der sie mit auf eine dekadente Party der Hollywoodgrößen nimmt. Es ist nicht viel, was Annie von all diesen Menschen dann für sich bekommt. Aber, ehrlich betrachtet, und dies ein Symbol, ein Bild für die gesamte Konzeption des Romans, auch Annie hat nicht wirklich viel, was sie zu geben vermag. Schlägt sich durch. Stellt ihren Körper zur Verfügung, einfach so. Das kostet sie nichts, denn sexuell empfindet sie nichts. Ein Bild für den Roman, denn in der Tiefe sind die handelnden Figuren kaum mehr zu erreichen und kaum mehr miteinander verbunden.

"Die Menschen, denen sie begegnet war, waren wie Perlen an einer zerrissenen Schnur, die bewusstlos in Südkalifornien herumrollten".

Sprachlich ganz hervorragend mit detailreicher Bildsprache (bis hin zur Schilderung der Farbgebung von Fußsohlen) erzeugt Fox eine resignierende, trübe Atmosphäre des alltäglichen (Über-) Lebenskampfes. Es dauert allerdings lange, bevor ein Hauch von erkennbarer Struktur in all die Abläufe kommt, fast 200 Seiten lang wirkt der Roman wie unverbunden nebeneinander gestellte Episoden, die aus dem irgendwo kommen und in ein nirgendwo hineinfließen. Viele Figuren, viele Orte, Zeitsprünge, es ist anstrengend, zu folgen, um einigermaßen den Überblick zu behalten. Und lohnt sich zum Ende hinaus dennoch, wenn ein wenig mehr deutlich wird, wohin Annies innere Reise geht und sich in manchen der vielen Figuren doch erkennbare Entwicklungen zeigen.
Fazit
Intensiv dargestellt, in kleinste Nuancen hinein die Figuren ausleuchtend, stellt Paula Fox inneres, menschliches Zerfließen vor die Augen des Lesers und zeigt auf, wie haltlos der Mensch in sich werden kann, wenn die äußeren Rahmungen wegbrechen. Es ist nicht immer einfach, den roten Faden im Auge zu behalten und hier und da stehen die Ereignisse zu unvermittelt und unverbunden nebeneinander. Dennoch aber eine lohnenswerte Lektüre über den inneren und äußeren Überlebenskampf im Los Angeles der 40er Jahre.
7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 12. Juni 2012

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