Anne Patchett: Fluss der Wunder

Fluss der Wunder

Verlag: Bloomsbury [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-8270-1056-8

Preis: 19,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 10. Dezember 2016]
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Surreale Forschungsreise in den brasilianischen Urwald

"Marina hatte das Gefühl, dass ihr Kopf zerschmolz und die Sonne in ihr Hirn vordrang und die Windungen lockerte".

Ein Gefühl, das nicht nur die weibliche Hauptperson Marina Singh des neuen Romans von Anne Patchett in der glühenden, schwülen Hitze Brasiliens in sich trägt, sondern das ein stückweit auch die Atmosphäre, den Grundton des Romans beschreibt. Wie taumelnd erlebt der Leser zu Zeiten die Reise Marinas nach Brasilien zu dem Zweck, ihre ehemalige Dozentin und Professorin der Medizin, Dr. Swensons mitten im Urwald ausfindig zu machen.

Vordergründig, um den Tod Anders Ekmans, eines der Mitarbeiter des Pharmaunternehmens (ein enger Bekannter Marinas) näher zu beleuchten, der vor Marina auf den Weg nach Brasilien geschickt wurde. Der scheinbar Dr. Swensons fand (die sich ansonsten jeder Kommunikation mit der Firma Vogel, dem Finanzier der Forschungen) verweigert. Ein großes Problem, denn seit langem schon hat Mr. Fox (Vorstandsvorsitzender und heimlicher Geliebter Marinas) die Zulassung eines neuen Medikaments angekündigt, welche besagte Dr. Swensons mitten im Urwald erforscht. Hoffentlich erforscht, denn genaues weiß niemand über die Vorgänge in der Forschungsstation.

Noch nicht einmal als geklärt wird sich herausstellen, ob Anders Ekman wirklich gestorben ist, denn eine Leiche findet Marina nicht, als es ihr nach langen Wegen, viel Geduld und Beharrungsvermögen gelingt, überhaupt die Forscher im Urwald ausfindig zu machen.

"Fruchtbarkeit bis ins hohe Alter", das ist das äußere, medizinische Thema, um das der Roman kreist und das durchaus, allerdings erst nach fast der Hälfte des Buches, ein wenig konkreter in den Blickpunkt der Ereignisse tritt. Der eigentliche rote Faden des Buches allerdings ist die, zwischen Traum und Wirklichkeit, Taumeln und nüchterner Überlegung angesiedelte Auseinandersetzung der Hauptfigur Marina Singh mit sich, mit ihrer eigenen Geschichte, mit ihren aktuellen Verhältnissen und Wünschen. Was ist diese Beziehung zum 61jährigen Mr. Fox für sie wesentlich jüngere Frau? Was sind diese immer wiederkehrenden Alpträume über ihren Vater und andere Schrecklichkeiten? Wenn nur das erbarmungslose Klima ihr nicht immer den Verstand fast wegbrennen würde. Als Marina ein verstecktes Dorf findet, Zentrum der Forschungen im Urwald, kulminieren die Zutaten von Klima, Mystik und eigenen Emotionen zusehends.

Trotz bildkräftiger Sprache und beständiger Reflektion vor allem der Emotionen Marinas, trotz vielfacher Beschreibungen, ein Eindruck der Vagheit verbleibt doch während und nach der Lektüre des Buches. So, als wäre der rote Faden, die einzelnen Personen (bis auf wenige Aufnahmen), genauso wenig wirklich zu fassen und genauso unscharf, wie es Marina selber vielfach im Buch innerlich wie äußerlich bedrängt ergeht, trotz aller Vielfalt der Beschreibungen. Lange auch dauert es, bis die eigentliche Geschichte um die Forschungsstation im Urwald Fahrt aufnimmt (und doch immer wieder auch schnell wieder zu zerfasern droht). Länger, als nötig gewesen wäre, denn allzu viel an Ereignissen erzählt Patchett nicht unbedingt, sondern nutzt die Seiten des Buches von allem, um ihre Protagonisten aus allen Winkeln her zu beleuchten. Fern aller exotischen Romantik. Äußerst real ist das Klima, das Umfeld, die Menschen, die Lebensverhältnisse in Brasilien und es gelingt Patchett gut, die Belastungen und Folgen derselben allein schon durch das Klima fassbar in den Raum zu stellen.
So hat das Buch, neben dem interessanten pharmazeutischem Thema, neben der Darstellung moderner pharmazeutischer Forschung und neben der umfassend und bildreich dargestellten inneren Entwicklung der weiblichen Hauptperson auch Längen und Umständlichkeiten aufzuweisen, die es manches Mal genauso zu überstehen gilt, wie Marina die stechende Sonne und die schmelzende Hitze zu überstehen hat.
Fazit
Ein interessantes Thema, eine bildkräftige Sprache und ein höchst exotischer, sehr real dargestellter Ort der Handlung mitsamt gelebter und inne liegender Mystik sind die anregenden Elemente des Buches. Längen, umständliche Wege der Figuren im Buch und, bei aller anregender Sprache, ein Gefühl leichter Unschärfen stört hier und da die Lesefreude aber durchaus.
7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 06. Februar 2012

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