Jonathan Lethem: Chronic City

Chronic City

Verlag: Klett-Cotta Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-608-50107-0

Preis: 24,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 04. Dezember 2016]
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Degeneration und Auflösung

Perkus Tooth hat das Zeug zur Kultfigur, auch wenn er gar nicht die alleinige Hauptfigur des epischen Romans von Jonathan Lethem ist. Dennoch ist diese Figur mit dafür zuständig, dass von Beginn an ein Hauch von surrealem Abgesang über dem ganzen Buch liegt. In Tooth bündelt sich nicht nur der Niedergang eines ehemals in seinen Kreisen bekannten Musikkritikers, ein Niedergang, der mit seiner Tätigkeit als professioneller Musikkritiker begann, sondern zugleich ist er auch ein Bild für eine Form des kulturellen Niedergangs der ehemaligen Kulturhauptstadt New York. Ein Bild dessen, dass die Stadt (und mit ihr durchaus allgemein geltend) ihren kulturellen Bodensatz verliert, den Humus der Subkultur und er freien Experimente innerhalb dieser..

Allein schon die Absteige, die Trooth Wohnung nennt, zeigt, wohin die ehemals Pop-Kultur orientierte Szene nach 2001 sich entwickelt hat.
Auf diesen Perkus Tooth nun trifft der Ich Erzähler des Romans, Chase Insteadman (der "Statt-dessen Mann") gleich im ersten Satz des Buches und von da an verbinden sich die vor sich hin mäandernden Geschichten der beiden Männer. Der Beginn einer "wunderbaren Freundschaft", passend zur Tätigkeit von Chase Insteadman, der gerade eine Dokumentation zu einem längst vergessenen Film einsprechen soll. Eine wunderbare, alte Filmzeit, die Insteadman auch für sich hinter sich liegen hat als nun materiell relativ unabhängiger, ehemaliger Fernsehkinderstar. Und eine Freundschaft mit Folgen. Mit nicht sonderlich gesunden Folgen für Chase.

Hinzu treten im Lauf der Zeit vielfache, ebenso exotisch gezeichnete Charaktere, die eines vor allem verbindet. Alle gehören in der ein oder anderen Form zu einer selbsternannten High Society der Stadt. Selbst die offizielle Verlobte von Chase Insteadman (neben seiner Geliebten, natürlich) ist eine Berühmtheit. Sie treibt als Astronautin in einer defekten Weltraumstation dem Tod entgegen und nutzt die ihr verbleibende Zeit, um einen rührenden Liebesbrief nach dem anderen an ihren irdischen Verlobten zu senden. Landesweit beachtet und abgedruckt, während Chase sich gutem Marihuana hingibt und in endlosen Diskussionen über Filme mit Perkus die Zeit verstreichen lässt, so nicht gerade eine Party ruft und lockt, die er als B-Promi schmückt.

Bizarr und nicht ganz real ist diese Welt, die Lethem in seiner Geschichte entfaltet, aber doch real genug, um in all den fantastischen Begebenheiten erkennen zu lassen, wie sehr der Niedergang der vormaligen Intelligenz und Subkultur voranschreitet. Ein Symbol für dieses Verständnis vom Niedergang ist der Architekt Noteless im Buch, der sich als Künstler versteht, riesige Löcher in die Stadt schlägt und damit bildhaft zeigt, wie der Verfall voran schreitet. Was wundert es, dass Chase Insteadman in all diesem Taumel sich mehr und mehr "niedergeschlagen und verloren" fühlt und hier und da daran zurückdenkt, wie gepflegt und, vor allem, rücksichtsvoll wohlerzogen er war, bevor er Perkus Tooth kennenlernte. Einer, der das Gefühl zu schildern weiß, sein "Leben entleert" zu haben. Aber war es je gefüllt?

Vieles ist nicht, wie es scheint, dass vor allem bleibt zum Ende der Lektüre. Selbst die melodramatische Geschichte der Astronautin und ihres irdischen Verlobten wird augenreibend sich noch ganz anders darstellen, als es zu Beginn scheint. Auch dies ein treffendes Bild für diese Geschichte, in der deutlich wird, das der Schein schon längst alles Sein überholt und hinter sich gelassen hat. Große Reden als heiße Luft, die durch nichts von Substanz gefüllt werden und hinter denen nur mehr die Vorherrschaft des Geldes und der Vermarktung die einzig wirklich tragende Rolle spielen. Ein Sujet, dass Lethem in bester Weise durch ein ständiges von Nebel, Schneefall oder Rauch getrübtes New York einfängt. Ein Dunst, der nicht mehr klar sehen lässt und in dem eine wirkliche Orientierung fehlt. Kurzlebiger Schein, das ist alles, was in dieser leicht ver-rückten Welt aus Chronic City noch antreibt und über bleibt. Auch Chase selbst ist ja einer derer, die ihr Leben nur gespielt haben (und, wie sich herausstellen wird, weiterhin in wesentlichen Teilen nur spielt). Oder ist das alles hier nur eine großangelegte Täuschung? Ein Buch gewordenes "Matrix"? Alle Namen des Buches deuten darauf hin, dass hier mit einer doppelbödigen Wirklichkeit gespielt wird, die keine wirklichen Anhaftpunkte für ein stabiles Leben mehr zu geben vermag. Auch die Hoffnung, die Chase in Trooth steckt für das Finden eines realen Ankerpunktes, trügen.
Fazit
Ein düsteres und dennoch wahres Bild, dass Lethem mit überbordender Fantasie und wortreicher Sprachmacht zeichnet. Ein Bild, dass einen nicht mehr loslässt, so man in die Welt von Chronic City einmal eingetaucht ist.
6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 23. März 2011

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