Nathaniel Philbrick: Im Herzen die See. Die letzte Fahrt des Walfängers Essex

Im Herzen die See. Die letzte Fahrt des Walfängers Essex

Verlag: BTB [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-442-72971-5

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1980 identifizierte in Nantucket/Massachussetts ein Walfang-Experte ein bis dahin wenig beachtetes Notizbuch aus der Zeit des frühen 19. Jahrhunderts als das des jüngsten Mannschaftsmitglieds der Essex, Thomas Nickerson. Die Erinnerungen des Obermaats Owen Chase an den Zusammenstoß des Walfängers Essex mit einem Pottwal im Jahr 1820 hatten Herman Melville zu seinem Moby Dick angeregt. Dass Chase starkes Interesse daran hatte, selbst in gutem Licht dazustehen und mit seinen Aussagen seine weitere seemännische Karriere nicht zu gefährden, war schon immer vermutet worden. Thomas Nickersons Notizen und seine Zeichnungen werfen ein völlig neues Licht auf die damaligen Ereignisse. Der Autor Nathaniel Philbrick, der auf Nantucket lebt und selbst Segler ist, rekonstruiert aus den Aufzeichnungen beider Männer und weiteren Zeitzeugen-Berichten den Untergang des Schiffs und die anschließende Odyssee der Mannschaft. Philbrick schildert zunächst den Alltag auf der von Quäkern bewohnten Walfänger-Insel Nantucket, das Ausrüsten eines Walfang-Schiffes und die Modalitäten, nach denen Mannschaft und Kapitän am Gewinn beteiligt wurden.

Das Schicksal der Essex und seiner Mannschaft muss bereits vom Anheuern der Mannschaft an unter einem unglücklichen Stern gestanden haben. Der 28-jährige Kapitän Pollard hatte eine 22 Mann starke Mannschaft zu befehligen, von denen 7 "Grünlinge", absolute Anfänger an Bord eines Schiffes waren. Das Verhältnis zwischen dem eher zurückhaltenden Pollard und seinem Obermaat, der sich an Bord zum Leuteschinder entwickelte, führte nach dem Schiffbruch der Essex zu mehreren für das Überleben der Mannschaft fatalen Entscheidungen. Die überlebenden 20 Mann mussten sich zusammen mit dem geretteten Proviant auf drei Walboote verteilen. Auf der unwirtlichen Insel Henderson kann die Mannschaft kurzfristig ihre Wasservorräte auffüllen und mit Vögeln und Krebsen den schlimmsten Hunger stillen. Schließlich steuern nur noch zwei Boote, eins unter Pollards Führung und eines unter Chases Kommando gegen den Wind und gegen jede Vernunft die 3000 Seemeilen entfernte lateinamerikanische Küste an. Monate später werden, völlig entkräftetet und von der Sonne verbrannt, in beiden Booten nur 5 überlebende Personen aufgefunden. Den Rettern wird bald klar, dass die Geretteten vom Fleisch ihrer toten Kameraden gelebt und überlebt haben.

Philbrick analysiert, wie spezifische Charakterzüge von Kapitän und Obermaat zu tragischen Fehlentscheidungen und damit zum Tod so vieler Seeleute führten. Er erläutert, warum ein Teil der Mannschaft zum Zeitpunkt des Schiffbruchs in schlechterem Allgemeinzustand war als der Rest und von vornherein geringere Überlebens-Chancen hatte. Mit großem Einfühlungsvermögen in die Wirkung der traumatischen Erlebnisse auf die Schiffbrüchigen und mit Erkenntnissen der Neuzeit über die Auswirkungen von Hunger und Durst entsteht so das Soziogramm einer Gruppe, die an der Bewältigung einer lebensbedrohlichen Situation scheiterte. Inzwischen sind weitere Zusammenstöße zwischen Walen und Schiffen zur Zeit Philbricks belegt, das Motiv des "Wal-Angriffs" aus Moby Dick hat demnach reale Vorbilder.
Fazit
Die psychologische Analyse der Vorfälle, die Vielfalt der genutzten Quellen, Philbricks handwerkliche Sorgfalt (seine Anmerkungen umfassen allein 36 Seiten) und seine spürbare Verbundenheit mit der Insel Nantucket machen Philbricks Rekonstruktion der Ereignisse zu einer fesselnden Lektüre.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 22. Juni 2008

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