Elisabeth Herrmann: Die 7. Stunde

Die 7. Stunde

Verlag: Econ Ullstein List Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Krimi
ISBN-13 978-3-471-79553-8

Preis: 3,65 Euro bei Amazon.de [Stand: 01. Januar 1970]
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Joachim Vernau wusste, dass es sinnlos war, mit seiner Kollegin Marie-Luise über den neuen Auftrag zu diskutieren. Sie waren auf das Geld angewiesen; denn die Gemeinschaftskanzlei der beiden Berliner Anwälte konnte von ein paar Nachbarschafts-Streitigkeiten unter Kleingärtnern nicht überleben. Marie-Luise hatte für Joachim eine großzügig bezahlte Honorartätigkeit als Betreuer des Teen-Court-Projekts an einem Pankower Privat-Gymnasium an Land gezogen. Teen Courts (die Idee dazu stammt aus den USA) sind normalerweise Gremien aus Jugendlichen, die über Gleichaltrige Strafmaßnahmen verhängen. Im Fall des Herbert-Breitenbach-Gymnasiums handelt es sich um eine Rechts-AG, in der Schüler über Anschuldigungen diskutieren, die anonym gegen Mitschüler eingegangen sind und anschließend Sanktionen beschließen. Über den Unterrichtsstoff der AG in der 7. Unterrichtsstunde und über Vernaus Befugnisse als Honrorarkraft hält sich die stellvertretende Direktorin der Schule merkwürdig bedeckt.

Der junge Anwalt, der zu seinen 12-Klässlern einen guten Draht hat, kommt schnell dahinter, dass die Schul-Leitung Gespräche über den Tod einer Schülerin unterbindet, der seine Schüler noch immer beschäftigt. Zwei Schüler der Rechts-AG melden sich verstört gleich wieder aus der AG ab, nachdem sie bedrohliche SMS erhalten haben. Einige gut situierte Eltern sind über den Umgang der Schule mit dem Todesfall reichlich ungehalten. Vernau sieht sich mit dem Anspruch der Direktion konfrontiert, umgehend das Ansehen der Schule in der Öffentlichkeit wiederherzustellen. Jeder Schüler, der die Schule verlässt, bedeutet einen Bilanz-Verlust für das Gymnasium als Wirtschaftsbetrieb und eine Verringerung des verfügbaren Kapitals, da die meisten Eltern zugleich auch Anteilseigner an der Schule sind.

Ein Teil der Zwölftklässler begeistert sich in der Freizeit für Live-Rollenspiele, ein Hobby, das die Schule mit allen Mitteln zu unterdrücken versucht. LARP (Live Action Role Playing) ist für Vernau zunächst eine fremde Welt. Doch der Jurastudent Kevin, der gerade ein Praktikum in der Kanzlei absolviert, kennt sich bestens aus und führt Vernau in die nächtlichen Vergnügungen der Berliner Rollenspiel-Szene ein. Als es beim Schulfest zu einem Giftanschlag auf eine Schülerin seiner Teen-Court-AG kommt, beschließt Vernau, der mysteriösen Angelegenheit mit den Mitteln des Rollenspiels auf den Grund zu gehen. Der schrottreife Dienst-Volvo der Kanzlei macht Vernaus Ermittlungen zu einem Hindernisrennen durch das herbstliche Berlin, das auch noch durch überraschende Eskapaden seiner betagter Mutter unterbrochen wird. Vernau ahnt nicht, welch gefährlichem Gegner er auf der Spur ist.
Fazit
"Die 7. Stunde", Elisabeth Herrmanns zweiter Kriminalroman um das Ermittler-Team Marie-Luise und Joachim, fesselt bis zur letzten Seite. Ein Atem beraubendes Buch, das man am besten in einer Nacht zu Ende liest. Die Autorin hat für ihren ungewöhnlichen Plot voller pittoresker Haupt- und Nebenfiguren direkt in der LARP-Szene recherchiert. Begeistert haben mich die sorgfältig gezeichneten Nebenfiguren von Hüthchen bis zur findigen Freundin Kevins. Wie sie zu ihren Rollenspiel-Kenntnissen gelangte, beschreibt Herrmann in allen Einzelheiten im Anhang. Die Autorin zeigt mit Verständnis für die Jugendlichen und leisem Spott gegenüber dem Quereinsteiger Vernau überaus kritisch die Auswüchse einer Gesellschaft, die Bildung als Ware und Statussymbol betrachtet.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 14. Juni 2008

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