Ich war in dem Kinofilm "No country for old men" und dieser Film hat
mich so beeindruckt, dass ich beschloss, mir das Buch zu besorgen. Zum Inhalt:
Llewelyn Moss findet bei einem morgendlichen Ausflug in die texanische Wüste -
im Grenzgebiet zu Mexiko - drei zerschossene Geländewagen. Außerdem zahlreiche
Tote und Heroin. Moss begeht den Fehler, einen Koffer mit 2,4 Millionen Dollar,
der einen Peilsender enthält, an sich zu nehmen. Aus diesem Grunde wird er von
Gangstern, u.a. dem psychopathischen Serienkiller Chigurh - verfolgt. Der
Thriller hat kein Happy End: Erzählt wird das ganze aus der Sicht von
Provinzsheriff Bell, der desillusioniert ist von der Brutalität der Gewalt in
unserer modernen Massengesellschaft. Dem Kommentar im Buchinneren: "Einmal
mehr zeigt sich hier McCarthys radikaler Kulturpessimismus in grandioser Weise,
in einem Roman, der in die Abgründe menschlicher Bosheit führt und einem das
Zittern lehrt." Dies ist richtig.
Dies ist aber nicht alles. Denn der Roman hat mich zutiefst beunruhigt. Er hat dazu geführt, dass ich mir Fragen nach dem Sinn des Daseins gestellt habe. Gibt es einen Gott oder besteht das Leben aus rein sinnloser Gewalt, sind Morde und Tode Ergebnisse grausamen Zufalls? An einer Stelle sagt Sheriff Bell völlig resiginiert: "Da gab`s vor einer Weile zwei Jungs, die sind einander zufällig über den Weg gelaufen, der eine war aus Kalifornien, der andere aus Florida. Und irgendwo dazwischen sind sie einander begegnet. Und dann sind sie zusammen losgezogen, sind durchs Land gereist und haben Leute umgebracht. Wie viele, hab ich vergessen. Was meinen Sie, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass so was passiert? Die beiden hatten sich vorher noch nie gesehen." (S. 41). Genau dies - die Frage nach dem Sinn des Lebens: gibt es diesen überhaupt oder gilt die Devise: Fressen und Gefressen werden, der "Stärkere" tötet den Schwächeren?" Diese Frage stellt sich in beunruhigender Schärfe - sowohl nach dem Film als auch nach der Lektüre des Buches. Dieser Band steht ganz klar in der Tradition des sogenannten "hard boiled thrillers". Jochen Schmidt hat dazu in seinem hervorragenden Werk: "Gangster, Opfer, Detektive: Eine Typengeschichte des Kriminalromans" bereits 1989 geschrieben: "Der amerikanische Kriminalroman ist von Anfang an kein abstraktes Rätselspiel gewesen, sondern eine Spezialform des realistischen Roamns und ein Vehikel für soziale Kritik. Es handelt nicht von jenen Verbrechen, die angesichts der gesellschaftlichen Umstände im Grunde nicht zu erwarten wären, sondern von jener Kriminalität, die als Folge der gesellschaftlichen Bedingungen heranwächst." Nicht umsonst steht der Roman in der Tradition der "häßlichen Amerikaner" (Jochen Schmidt), also in der Tradition von James M. Cain (Wenn der Postmann zweimal klingelt), Jim Thompson (Pop 1280; The Killer inside me) und vor allem James Hadley Chase (No orchids for Miss Blandish), in gewisser Weise aber auch in der Tradition eines Dashiell Hammett oder Ross McDonald. Mich hat er auch sehr an Truman Capotes "Kaltblütig" erinnert. Diese realistische Schreibweise hat allerdings einen Preis - und der ist der des Voyeurismus. Gewalt und Brutalität erreichen - wie bei James Hadley Chase - einen bis dahin unbekannten Gipfel, der Zynismus ist mit Händen zu greifen und erschreckend. Hierfür auch ein Beispiel am Text: Der Killer Chigurgh benötigt einen Wagen. Er trägt die Uniform eines Sheriffs, den er kurz zuvor getötet hat. Kurz darauf lässt er einen Ford anhalten. Darauf ereignet sich folgende Szene: Was ist denn, Officer?, fragt der Mann, der aus seinem Wagen aussteigen soll.Würden Sie bitte austeigen, Sir? Der Mann machte die Tür auf und stieg aus. Worum geht es denn?", fragte er. Würden Sie bitten vom Fahrzeug wegtreten. Der Mann trat vom Fahrzeug weg. Chigurgh sah, wie sich angesichts der blutbefleckten Gestalt vor ihm Zweifel in seinen Blick stahlen, aber es war zu spät. Wie ein Wunderheiler legte er ihm die Hand auf den Kopf. Das pneumatische Zischen und Klicken des Bolzens klang wie das Geräusch einer sich schließenden Tür. Der Mann glitt geräuschlos zu Boden, in der Stirn ein rundes Loch, aus dem Blut sprudelte, ihm in die augen rann und mit sich nahm, was er von seiner langsam zerfallenden Welt noch wahrnehmen konnte. chigurgh wischte sich mit seinem Taschentuch die Hand ab. Ich wollte bloß nicht, dass Sie den Wagen vollbluten, sagte er. Jochen Schmidt hat - in Bezug auf den Roman: "No Orchids for Miss Blandish von James Hadley Chase angemerkt: "Aber vielleicht ist es nicht einmal die Häufung von Brutalitäten, die das Erschrecken des Lesers (und vieler Kritiker) bewirkt, sondern die Ungerührtheit und Mitleidslosigkeit, mit der die Gewalttaten geschildert werden." Und dies trifft m.E. haargenau auch auf das vorliegende Werk zu. Zwar wird durch die Einschaltung von Sheriff Bell als Erzähler, der diesen Erruptionen der Gewalt fassungslos gegenübersteht und damit nicht fertig wird, so dass er seinen Beruf an den Nagel hängt, die völlig einseitige Perspektive des Verbrechers - wie sie die Romane von Jim Thompson oder James M. Cain prägen - aufgegeben und eine zusätzliche Erzählperspektive geschaffen, die nicht rein personal oder in Ich-Form erfolgt wie in den anderen Romanen. Dies reicht m.E. aber nicht, die Feststellung von Jochen Schmidt - bezogen auf Cain - für das vorliegende Werk zu entkräften. Und dies ist m.E. durchaus nicht nur Kulturpessimismus, hier wird stellenweise sinnlose Gewalt sehr blutig, ja voyeuristisch dargestellt. Und da frage ich mich schon? Muss dies sein? Fazit
Wenn man diese Einschränkung aber akzeptiert, so hat Cormac McCarthy einen
eindrucksvollen, plastischen, durch seine karge Beschreibung erst recht
eindrucksvollen Roman geschrieben, der den Vergleich mit den hier genannten
Vorbildern nicht zu scheuen braucht und der so beunruhigend ist (wie übrigens
auch der hervorragende gleichnamige Film der Cohen-Brüder), dass er im wahrsten
Sinne des Wortes aufrüttelt. Mich jedenfalls haben Film und Buch nicht mehr
losgelassen. Unbedingt sehens- bzw. lesenswert.
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