Faye Kellerman: Und da war Finsternis

Und da war Finsternis

Verlag: C. Bertelsmann [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Krimi
ISBN-13 978-3-570-00930-7

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Die elegant gekleidete Tote, die an einem frühen Morgen des Jahres 1929 im Englischen Garten in München gefunden wird, ist Anna Gross, die Frau eines wohlhabenden jüdischen Geschäftsmannes und Tochter eines erfolgreichen Münchener Bankiers. Kommissar Axel Berg entdeckt bei seinen Ermittlungen, dass die Ehefrau aus bürgerlichem Haus gern allein ausging, mit dem Kommunismus sympathisierte und Kontakte zu einem Mann pflegte, der möglicherweise so gut Englisch wie Russisch spricht. Die Sicherung der Spuren am Tatort bleibt eher oberflächlich; denn wichtig scheint Bergs Vorgesetzten Martin Volker allein zu sein, dass der Öffentlichkeit möglichst schnell ein Verdächtiger präsentiert wird. Besser einen Unschuldigen verhaften und kurze Zeit später wieder freilassen als für unfähig gehalten zu werden, meint Volker. Als schon nach wenigen Tagen eine weitere Frau im Englischen Garten tot aufgefunden wird, fürchtet Volker, dass die von Hitlers Nationalsozialisten gegen Juden und "Verbrecher" aufgeputschten Münchner sich durch die Morde weiter in Panik versetzen lassen könnten. Axel Berg denkt an einen Serienmörder, ermittelt aber auch im privaten Umfeld der Ermordeten. Er bewegt sich dabei in der wohlhabenden Oberschicht, unter ausländischen Korrespondenten, einer kleinen Gruppe von Exil-Russen, Kunstliebhabern und Kunsthändlern. Eine dritte Tote passt zunächst nicht in die Serie; denn sie ist - obwohl elegant gekleidet - Schneiderin. Professor Kolb wird als Spezialist für Kriminalistik und Fingerabdrücke hinzugezogen; er hat sich auch mit den Theorien Freuds beschäftigt. Bergs Abteilung gerät zunehmend unter Druck. Die Arbeitsbedingungen sind schwierig, weil die Mitarbeiter immer wieder abgezogen werden, um Zusammenstöße der Nationalsozialisten und ihrer Gegner zu verhindern.

Faye Kellerman wurde nach eigenen Angaben durch die Erlebnisse ihres Vaters als Soldat der US-Armee in Deutschland zu ihrem Buch angeregt. Als amerikanischer Jude dolmetschte er zwischen deutschen Bürgern, jüdischen Überlebenden des Holocaust und amerikanischen Soldaten. Die Autorin hat ihre Hauptfigur Axel Berg ähnlich wie ihren Ermittler Peter Decker angelegt. Berg ist Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkriegs, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Der junge Kommissar ist mit allen Schwächen, Ecken und Kanten dargestellt. Er unterhält eine sexuelle Beziehung zu der jungen Jüdin Margot, die als Büglerin in der Textilindustrie arbeitet und mit Bergs Geld weitere Familienangehörige unterstützt. Der Ermittler fürchtet um seinen Arbeitsplatz, gibt sich äußerlich unpolitisch, ist bestechlich und zeigt besonders als Vater und Ehemann wenig Rückgrat. Kellerman karikiert in ihrem Buch den deutschen Beamten und den Bayern an sich; Lokalkolorit trägt sie hauptsächlich durch ausführliche Berichte aus Kneipen, Kellern und Biergärten bei. Dass die Autorin in der englischen Ausgabe des Buches sichtlich mit der Schreibung deutscher Familiennamen, mit der korrekten Bezeichnung von Dienstgraden und Fahrzeugen kämpft, wirkt wenig Vertrauen erweckend. Geschmacklos finde ich, wie Bergs Team "den Österreicher" Adolf Hitler auch als Frauenmörder in Betracht zieht. In einem Buch für den amerikanischen Markt fehlt mir hier eine exakte Abgrenzung zwischen Fiktion und historischen Fakten. Kellermans Vorsatz, die Atmosphäre der 20er Jahre in München, der "Hauptstadt der Bewegung" und speziell die zunehmende Gewalttätigkeit der Gesellschaft zu beschreiben, geht zu Lasten der Aufklärung der Frauenmorde. Axel Berg ist mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt, um seine Ermittlungen konsequent voranzutreiben. Die Beschränkung auf die Darstellung gutbürgerlicher Lebensverhältnisse mit einer Prise Bohème im Jahr der Weltwirtschaftskrise vermittelt weder ausländischen noch deutschen Lesern, warum gerade in dieser Zeit der Nationalsozialismus in Deutschland so viele Anhänger fand.
Fazit
Kellermans wenig schlüssige Krimi-Handlung kann die Leser kaum fesseln, die Auflösung des Falls durch überraschende Präsentation des Täters wirkt unbefriedigend. Lokale Details aus der Zeit des beginnenden Nationalsozialismus weisen aus der Sicht deutscher Leser Ungereimtheiten auf. Als historischer Kriminalroman wurde das Buch von der amerikanischen Kritik sehr gelobt und als Kellermans bester Roman bezeichnet, aus deutscher Perspektive finde ich ihn enttäuschend.
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 29. August 2007

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