Marta Kijowska: Was ist mit den Polen los?

Was ist mit den Polen los?

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-423-26214-9

Preis: 16,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 23. Oktober 2018]
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Die Autorin Marta Kijowska weiß wovon sie schreibt und spricht. Gebürtige Polin, seit langem in Deutschland lebend mit regelmäßigen Besuchen und stetem Kontakt in ihr Heimatland Polen. Beide Länder, deren Bevölkerung, Geschichte und politische Entwicklung und Wege sind ihr also bestens bekannt. Was ist mit den Polen los? - die aktuellen Entwicklungen unter der derzeitigen nationalistisch orientierten Regierung in Polen haben sie ganz offensichtlich motiviert, auf ihre selbst gestellte Frage eine Reihe von Antworten aus unterschiedlichen Bereichen des Lebens zu suchen (und zu finden).

Die wechselvolle Geschichte Polens, einer Nation die nur selten eigenständig sein konnte und durfte, hat zweifelsfrei einen nachhaltigen Einfluß auf das Selbstverständnis und das Selbstwertgefühl der Polen. Die ersten drei Kapitel dieses Buches beschäftigen sich mit diesem Sachverhalt, ausgehend von der Frage, warum die heutige polnische Gesellschaft sich gespalten darstellt, obwohl die letzten knapp 3 Jahrzehnte den Polen einen Weg in Freiheit und Demokratie ermöglichten und sie diesen Weg auch mutig und entscheiden gingen. Die aktuelle Regierung dreht das Rad zurück und rückt nationalistische Interessen wieder in den Vordergrund.

Eine Nation auf der Suche nach der eigenen Identität - Kijowska gelingt es, dem Leser entsprechende Sachverhalte an zahlreichen gut belegten Beispielen in ausgezeichnet lesbarer Form nahe zu bringen. Der besonderen und besonders verhängnisvollen Beziehung zu den Nachbarstaaten Deutschland und Russland (früher: Sowjetunion) widmet sie ein eigenes Kapitel und verdeutlicht, warum sich das Verhältnis auch heute nach wie vor nicht unkritisch darstellt.

Die Angst vor dem/den Fremden begründet sich ebenfalls historisch und führt zu einem ablehnenden Kurs bezogen auf die Migrationspolitik der Polen innerhalb der EU. Ebenso problematisch gestaltet sich die Beziehung zwischen Polen und Juden und das, obwohl Polen einst als Hochburg der europäischen Juden galt. Die Ereignisse in der Ära der deutschen Okkupation und die Rolle der polnischen Bevölkerung der jüdischen Bevölkerung gegenüber bedarf, über die berechtigte Abgrenzung von deutschen Gräueltaten hinaus, einer weiteren historisch-kritischen Aufarbeitung.

Mit dem EU-Beitritt Polens im Jahre 2004 entwickelte sich die Wirtschaft Polens hervorragend. Polen galt als Musterschüler der Europäischen Union und im Jahr der EU-Präsidentschaft zeigten die polnischen Politiker, allen voran Donald Tusk, dass sie durchaus in der Lage sind, eine Staatengemeinschaft zu führen. Aber: wohin steuert die PiS-Regierung das Land heute? Mit einer positiv stimmenden Hoffnung schließt Kijowska das Buch: die junge polnische Bevölkerung steht mehrheitlich zur Demokratie und zu den politischen Werten Europas. Bleibt abzuwarten, ob die Wahlen im kommenden Jahr 2019 dies widerspiegeln.
Fazit
Der Autorin gelingt es in beeindruckender Manier, Polen und seine Menschen nicht nur zu beschreiben, sondern auch Verständnis für eine besondere Situation aufgrund der historischen Bedingungen zu wecken. Ohne zu beschönigen, ohne aktuelle Entwicklungen zu entschuldigen, die auch sie selbst ganz offensichtlich kritisch betrachtet.

Ein Spagat besonderer Art gelingt ihr ebenfalls vorbildlich: das derzeit mit Problemen behaftete Verhältnis Polens zu den europäischen Nachbarn, insbesondere zu Deutschland, neutral und mit Blick auf die Befindlichkeiten aller Beteiligten zu beschreiben, das gelingt wahrhaftig nur wenigen so wie ihr. Ein absolut lesenswertes Buch mit einer deutlichen Hoffnung auf ein "Happy End"!
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Dietmar Langusch [Profil]
veröffentlicht am 10. Oktober 2018

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