Michael Wolffsohn: Friedenskanzler? Willy Brandt zwischen Krieg und Terror

Friedenskanzler? Willy Brandt zwischen Krieg und Terror

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-423-28992-4

Preis: 18,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 18. Dezember 2018]
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Willy Brandt hat die deutsche Nachkriegsgeschichte zweifelsfrei geprägt. Seine (in der damaligen Zeit nicht unumstrittene) Ostpolitik sicherte der jungen Bundesrepublik einen sicheren Platz im Konzert der europäischen Staatenwelt. Sein Kniefall an der Gedenktafel des Warschauer Ghettos war nicht nur ein Zeichen der Demut, sondern machte ihn überall auf der Welt bekannt und zumeist auch beliebt. In der Zeit des "Kalten Krieges" besaß seine Ostpolitik eine Art Vorreiterrolle in DER Konfliktzone zwischen West und Ost. Der Eiserne Vorhang zwischen Bundesrepublik und DDR trennte die beiden Machtblöcke unter der Führung der USA und der Sowjetunion.

Der renommierte Politikwissenschaftler und Historiker Michael Wolffsohn widmet sein jüngst erschienenes Buch eben dieser Friedenspolitik des Bundeskanzlers Willy Brandt, insbesondere in den frühen siebziger Jahren. War Willy Brandt wirklich ein Friedenskanzler? Aus Sicht des Autoren gibt es doch eine ganze Reihe Kratzer am (bislang makellosen) Lack der Friedenspolitik unter Brandt. So sehr er sich ohne Zweifel um einen Ausgleich mit den osteuropäischen Mächten erfolgreich mühte, so sehr gerieten andere Konflikte aus dem Fokus. Insbesondere das deutsch-israelische Verhältnis nimmt Wolffsohn unter die Lupe, besitzt das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden in der historischen Betrachtung einen tragischen Hintergrund.

Inhaltlich beleuchtet Wolffsohn das traditionelle Judenbild der deutschen Sozialdemokraten und beurteilt dies als konfliktbeladen. Dies könnte auch ein Grund für die Tatsache sein, dass die sozialliberale Regierung die Konfliktzone "Nahost" räumlich anders deutete. Der "nahe Osten" lag eben in Osteuropa und weniger im nordostafrikanisch-asiatischen Raum. Isarel in seiner Auseinandersetzung mit verschiedenen arabischen Staaten kämpfte um sein politisches Überleben und hätte Willy Brandt und seine Regierung gerne als Friedensmittler gesehen; nicht zuletzt, da Deutschland und sein Auswärtiges Amt traditionell auch über gute Beziehungen zu den arabischen Staaten verfügte. So recht "anbeißen" mochte Brandt aber nicht, sondern überließ weitreichende Entscheidungen untergeordneten Stellen.

Wenig stringent erscheint dem Autoren auch das Verhalten des deutschen Regierungsapparates während und nach dem Terroranschlag im Rahmen der Olympischen Spiele 1972 in München, bei dem einige israelische Sportler durch arabische Terroristen ermordet wurden. Die anschließende Freipressung der überlebenden Attentäter aus deutscher Haft erscheint in der Darstellung des Buches als vorhersehbare Konsequenz. Kritisch beleuchtet Wolffsohn nicht nur das deutsch-israelische Einvernehmen, das zu damaliger Zeit zu großer Enttäuschung auf israelischer Seite führte, sondern das Vorgehen verursachte auch Spannungen im Rahmen den NATO-Bündnisses, insbesondere im Verhältnis zur führenden "Schutzmacht" USA.
Fazit
Michael Wolffsohn schreibt sein Werk, wie von ihm gewohnt, kurzweilig und in sich schlüssig. Auch insofern ein hochinteressantes Buch mit neuen Aspekten und Sichtweisen zur deutschen Aussenpolitik Anfang der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Ein Buch, das den Leser fesselt und zum Nachdenken anregt.

War Willy Brand Friedenskanzler, oder war er auf der anderen Seite auch der Kanzler vertaner Friedenschancen in einer Region, die in seinem politischen Kalkül scheinbar lediglich eine untergeordnete Rolle spielte? Der Autor nimmt (nicht zuletzt aufgrund seiner Vita) eine eher kritische Sichtweise ein. Der Leser ist gefragt, eine eigene Position zu finden.
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Vorgeschlagen von Dietmar Langusch [Profil]
veröffentlicht am 01. Oktober 2018

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