Eugen Ruge: Follower. Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel

Follower. Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Science Fiction
ISBN-13 978-3-498-05805-0

Preis: 22,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 08. Dezember 2016]
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Eugen Ruge beschreibt ein utopisches Szenario aus dem Jahr 2055. Das Leben ist ein täglicher Kampf um Selbstoptimierung und die Selbstinszenierung in sozialen Medien, aber auch um die Sicherung privater und beruflicher Daten vor Manipulation von außen. Das Horrorszenario der Totalsperrung des eigenen Accounts würde das Ende der virtuellen Performance und damit das Ende des Ichs bedeuten. In der nahen Zukunft gibt es drei Geschlechter, männlich, weiblich und transgender.

HTUA-China ist längst in drei kommerzielle Zeitzonen geteilt. Es liegt nahe, dass der Mensch sich der Produktion anpassen musste. Hier ist als globaler Pendler Nio Schulz unterwegs, um sein "True Barefoot Running" zu vermarkten, von dem ich mich zunächst gefragt habe, ob es Ware oder Dienstleistung ist. Begriffe aus dem Bereich Produktion und Verkauf wirken in Schulz' schöner neuer Welt euphemistisch hohl. Hier wird nicht mehr mit Waren gehandelt, sondern mit Identitäten. Nio ist von allerlei fortgeschrittenen Schnickschnack abhängig, seinen Stimmungsaufhellern und Appetitzüglern, seinem Motivationscoach, aber auch dem Funktionieren der Fingerabdruck-Sensoren seiner Geräte, um überhaupt arbeiten zu können.

Schulz' ist aus seinem Hotel in HTUA-China verschwunden, Behörden mehrerer Länder fahnden nach ihm. Da die - beklemmend authentisch wirkenden - Dokumente der chinesischen Polizei automatisch übersetzt wurden und kein mitdenkender Mensch die Texte korrigierte, ist nicht schwer vorstellbar, dass Schulz zum unschuldigen Opfer einer Übermittlungspanne wurde. Schulz' Persönlichkeitsprofil, aus der Verknüpfung zahlreicher Daten resultierend, rechnet nun ein Algorithmus zu seiner zu erwartenden Delinquenz hoch. Beziehungen sind längst zu statistischen Parametern geschrumpft. Obwohl ich Schulz bisher als Individuum wahrgenommen habe, begann ich an diesem Punkt zu fürchten, dass die Behörden längst ein Phantom oder eine statistische Größe jagten, die mit dem Geschäftsreisenden Schulz kaum etwas gemeinsam haben. Vielleicht ist der Mann auch einfach zu simpel, um 2055 unverdächtig sein zu können.

Mit einem Riesenschritt schreitet Ruge nun um 10 Generationen zurück und erzählt von diesem Punkt aus im schnellen Vorlauf die Geschichte der Umnitzers, Schulz' Vorfahren väterlicherseits. Das Ganze wirkt wie ein Countdown, wer das Säuglingsalter überhaupt überleben und Pest und Ruhr überstehen wird. In Schulz' Familie gab es bereits einen Aufrührer, der gegen Leibeigenschaft in der Landwirtschaft war. Gesellschaftliche Aufsteiger, Gewerkschafter und überzeugte Kommunisten, die Umnitzers bieten ein buntes Programm pommerscher Dickschädel auf.

Wenn heute bereits künstliche Intelligenz mit dem Menschen kommunizieren und seine Handlungen vorausberechnen kann, worüber sollen überhaupt noch utopische Romane geschrieben werden, könnte man sich fragen. "Follower" zeigt sich als intelligenter Roman u. a. über die Abwesenheit von gesundem Menschenverstand in automatischen Abläufen. In Ruges Szenario muss sich menschliches Denken Programmen anpassen, menschliche Sprache muss von Automaten und Suchmaschinen zu verarbeiten sein. Sprache definiert und erklärt nicht mehr, sie macht unkenntlich. Mehrfache Wortbedeutungen führen direkt in die Katastrophe, wie wir an Nio Schulz' Schicksal verfolgen können.
Fazit
Eugen Ruge – der mit einer seiner Figuren das Geburtsjahr gemeinsam hat – beherrscht als Mathematiker die Kunst des utopischen Romans offensichtlich perfekt. In unendlich wirkenden Sätzen über Absätze und Seiten hinweg, in einer atemlos wirkenden, sintflutartigen Erzählweise ein großartiger utopischer Roman.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 29. August 2016

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