Stefan Weinfurter: Karl der Große. Der heilige Barbar

Karl der Große. Der heilige Barbar

Verlag: Piper Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-492-05582-6

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Karl der Große - nur wenige mittelalterliche Herrscher spielen auch heute noch eine zumindest nicht unbedeutende Rolle im Kulturgedächtnis wie der Frankenkönig und Kaiser, dessen Todestag sich im Jahr 2014 zum 1200. Mal jährt. "Vater Europas" wurde er genannt, wenngleich ihm eine allgemeine europäische Idee, die sich nach dem 2. Weltkrieg zu einem Glücksfall für die Nationen in der EU entwickelte, vollkommen fremd war. Karl war vielmehr Machtmensch und "Glaubenskrieger", ein bisweilen mit brutalsten Mitteln agierender König und Heerführer, der aber gleichzeitig ein religiöser Mensch war, der sich für Bildung interessierte und diese auch förderte. An Biographien zu diesem bedeutendsten Karolinger mangelt es nicht; allein in den letzten 15 Jahren sind rund ein Dutzend erschienen. 2013 erschienen zwei neue deutsche Biographien, verfasst von Kennern ihres Fachs. Die Biographie von Johannes Fried wurde bereits an anderer Stelle besprochen, die sich von der vorliegenden Stefan Weinfurters gleich an mehreren Stellen unterscheidet.

Weinfurter ist wie Fried ein Kenner der Materie, wenngleich seine Forschungen sich stärker mit dem Hochmittelalter beschäftigen. Weinfurter beginnt seine Biographie mit einem Überblick zum Geschichtsbild und den Quellen, was dem Einsteiger die Orientierung erleichtern dürfte. Ab Kapitel 4 wird das Leben Karls geschildert, wobei sich chronologische und systematisierende Abschnitte abwechseln. Die Darstellung nimmt den Leser sozusagen "an die Hand" und bietet für Vorgebildete nur punktuell abweichende Meinungen. Interessant ist aber Weinfurters Versuch, einige in der Forschung durchaus kritische Punkte hinsichtlich der Feldzüge in den weiteren Kontext von Karls Reichspolitik einzuordnen, so den letztlich gescheiterten Spanienfeldzug im Jahr 778. Die langen und durchaus blutigen Sachsenkriege, die Weinfurter sicherlich zu Recht in Zusammenhang mit der gewaltsamen karolingischen Missionierungspolitik bringt, wird auch auf den beharrlichen Widerstand der Sachsen zurückgeführt.

Herrschaft, Verwaltung, Kirche, Bildungspolitik und Familie werden in separaten Kapiteln zugunsten einer übersichtlichen Darstellung besprochen. Im 12. und letzten Kapitel fasst Weinfurter seine Darstellung noch einmal zusammen. Dabei sind für ihn zwei Punkte hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung nach Karls Tod von Bedeutung. Zum einen die Rolle der Wahrheit, die Weinfurter im Sinne von Erkenntnis des Guten und Wahren versteht, wofür Wissen und Bildung, eben Geistesbildung, erforderlich waren. Karls Bildungsreform und der gleichzeitig in Gang gesetzte Prozess des Wissenstransfers waren hierbei von entscheidender Bedeutung für die Zukunft. Ein zweiter wichtiger Aspekt ist für Weinfurter die Rolle der Klöster, die hinsichtlich der Kirchenorganisation sowie als Bewahrer von Wissen von Bedeutung waren, da in ihren Mauern das noch vorhandene antike Wissen tradiert wurde.
Fazit
Weinfurters Biographie ist eine flüssig verfasste Darstellung der Lebensumstände Karls und des karolingischen Reiches in seiner Zeit. Es unterscheidet sich in mehreren Punkten von Frieds umfangreicherer, aber teils auch etwa stärker abgleitenden Darstellung. Für den Einsteiger mag Weinfurter die bessere Wahl sein, wenngleich beide Biographien absolut gelungen sind und sich auch gut ergänzen. Fried ist sich in seinem groß angelegten Werk aber wohl stärker der Grenzen der Quellenaussagen bewusst, wobei "wissenschaftliche Fiktion" Lücken ausfüllen muss, während Weinfurter der Quellenüberlieferung mehr Aussagekraft beimisst.

Weinfurter übersieht zwar nicht manche Fehlschläge Karls, betrachtet ihn aber als bedeutenden Herrscher, der zwar aus dem ehemals "barbarischen" Volk der Franken stammte, sich seiner Stellung als christlicher Herrscher jedoch mehr als bewusst war. Weinfurters Buch ist nicht zuletzt ein Beleg dafür, dass moderne Geschichtsschreibung gelehrt, aber auch überaus lesbar sein kann. In diesem Sinne wird Weinfurters "heiliger Barbar" hoffentlich auch zahlreiche Leser finden.
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Vorgeschlagen von B. Kiemerer [Profil]
veröffentlicht am 16. Februar 2014

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