Edgar Allan Poe, der nur 40 Jahre alt wurde, gilt heute als der Begründer der
amerikanischen Detektivgeschichte, Kurzgeschichte und als der Klassiker der
Gespenster- und Horrorgeschichte. Wer kennt nicht sein: "Der Untergang des
Hauses Usher", der in jeder Anthologie von Horrorgeschichten vorhanden ist
- oft kopiert (z.B. in der Geschichte: "Das Haus im Sturm von Matthew
Phipps Shiel), aber nie erreicht? Wer kennt nicht die Geschichte von der
"Grube und Pendel", in der die Foltermethoden der Inquisition
haarklein bis zur endgültigen Rettung geschildert werden? Doch nicht nur
Horrorgeschichten versammelt dieser Band. In hervorragenden Übersetzungen findet
sich auch die unwahrscheinlich moderne Doppelgängergeschichte "William
Wilson", die Geschichte vom "Mann in der Manege", die bereits im
19. Jahrhundert das Phänomen des verlorenen Einzelnen in unserer anonymen
Massengesellschaft beschreibt. Auch die Kriminalgeschichten: "Der
entwendete Brief", "Der Doppelmord in der Rue Morgue" sind hier
versammelt und machen dem Leser bewußt, wie vielseitig und produktiv Poe gewesen
ist. In dieser wunderschönen Ausgabe der "Bibliothek der
Weltliteratur" sind jedoch nur Erzählungen, keine Prosa versammelt. Das
berühmte Gedicht vom "Raben" wird der Leser daher vergeblich suchen.
Doch nicht nur die Erzählungen, auch das Nachwort besticht. Genauestens wird auf
Leben und Werk dieses berühmten Autors Bezug genommen, so dass eindeutig zu
bilanzieren ist: Poe war der "König" der klassischen Schauergeschichte
und ist bis heute unübertroffen der "Meister des Horrors". Er
arbeitet, und dies wird an den vorgelegten Meistererzählungen deutlich, mit
unfehlbarem Instinkt für Technik, Effekte und Wirkungsmöglichkeiten. Gunter
Kunert hat beschrieben, worauf die Wirkung Poes beruht und wodurch er sich von
anderen zeitgenössischen Autoren unterscheidet: "Poes Prinzip besteht nicht
darin, noch mehr Blut, noch mehr Mitternacht, noch mehr Leichen vor dem Leser zu
summieren, sondern genau im gegenteiligen Vollzug: in der beunruhigenden
Andeutung, der Steigerung dieser Andeutungen, Hinweise, Verschleierungen, bis
eben gen Schluß der Schrecken nicht so sehr detailliert beschrieben, als
vielmehr umschreibend angerufen und hervorgerufen wird." Und an anderer
Stelle: "Bei Poe besteht die Pointe entweder aus einer nahezu flüchtigen
Benennung der Schlußwendung mit wenigen Worten, noch dazu in der allerletzten
Zeile wie etwa "Ligeia" oder, wie in "Grube und Pendel",
nach einer quälend langsam verlaufenden Schreckensbeshreibung, in einer
plötzlichen Zeitraffung und in einer konträr zum Erzählton gesetzten
Sachlichkeit." Völlig korrekt. Man lese etwa daraufhin das Ende der auch
hier abgedruckten Erzählung: "Der schwarze Kater". Erst im
allerletzten Satz erfährt der überraschte Leser, dass der Ich-Erzähler nicht nur
seine ermordete Frau, sondern - ohne es vorher auch nur mit einem Sterbenswort
anzudeuten - auch seine Katze eingemauert hat! "Als ich damit [mit dem
Einmauern der Leiche seiner Frau] fertig war, atmete ich befriedigt auf, weil
alles in Ordnung war." Dann sucht er vergeblich nach dem Kater, der auf
einmal verschwunden ist. Doch in seinem unfehlbaren Instinkt für überraschende
Wendungen erfährt der Leser des Rätsels Lösung erst am Schluss: als die Polizei
aufgrund einer plötzlich auftauchenden Stimme aus der Wand die Leiche findet, so
sitzt der Kater auf deren Kopf: "Auf seinem Kopf saß, mit weit
aufgerissenem roten Maul und einem einzigen glühenden Auge, das abscheuliche
Untier, dessen List mich zum Mord verführt hatte und dessen verräterische Stimme
mich dem Henker überlieferte. Ich hatte das Ungeheuer in das Grab
eingemauert!"
Diese zahlreichen Zitate mögen als Beispiel für Poes Könnerschaft genügen. Fazit
Wer sich keine Gesamtausgabe von Poes Werk kaufen möchte (was ich jedoch nur
dringend empfehlen kann), der ist mit dieser Auswahl seiner besten Erzählungen,
die gut und sinngemäß aus dem Englischen übersetzt worden sind, bestens bedient.
Unbedingt lesenswert!
Das ovale Portrait Der Bericht des Arthur G. Pym Der entwendete Brief (Belletristik) Der entwendete Brief (Hörbuch) Der Goldkäfer Der Untergang des Hauses Usher Die Grube und das Pendel Die Maske des roten Todes Die Maske des roten Todes Die Morde in der Rue Morgue Die schwarze Katze Die schwarze Katze Eleonora Hopp Frosch Lebendig begraben Sturz in den Mahlstrom weitere Rezension zu diesem Buch schreiben Rezension als PDF-Datei speichern Direkt verlinken: http://www.buchtips.net/rez805.htm Vorgeschlagen von Bernhard Nowak
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