Edgar Allan Poe: Erzählungen

Erzählungen

Verlag: Rütten & Loenig [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-352-00047-8

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Edgar Allan Poe, der nur 40 Jahre alt wurde, gilt heute als der Begründer der amerikanischen Detektivgeschichte, Kurzgeschichte und als der Klassiker der Gespenster- und Horrorgeschichte. Wer kennt nicht sein: "Der Untergang des Hauses Usher", der in jeder Anthologie von Horrorgeschichten vorhanden ist - oft kopiert (z.B. in der Geschichte: "Das Haus im Sturm von Matthew Phipps Shiel), aber nie erreicht? Wer kennt nicht die Geschichte von der "Grube und Pendel", in der die Foltermethoden der Inquisition haarklein bis zur endgültigen Rettung geschildert werden? Doch nicht nur Horrorgeschichten versammelt dieser Band. In hervorragenden Übersetzungen findet sich auch die unwahrscheinlich moderne Doppelgängergeschichte "William Wilson", die Geschichte vom "Mann in der Manege", die bereits im 19. Jahrhundert das Phänomen des verlorenen Einzelnen in unserer anonymen Massengesellschaft beschreibt. Auch die Kriminalgeschichten: "Der entwendete Brief", "Der Doppelmord in der Rue Morgue" sind hier versammelt und machen dem Leser bewußt, wie vielseitig und produktiv Poe gewesen ist. In dieser wunderschönen Ausgabe der "Bibliothek der Weltliteratur" sind jedoch nur Erzählungen, keine Prosa versammelt. Das berühmte Gedicht vom "Raben" wird der Leser daher vergeblich suchen. Doch nicht nur die Erzählungen, auch das Nachwort besticht. Genauestens wird auf Leben und Werk dieses berühmten Autors Bezug genommen, so dass eindeutig zu bilanzieren ist: Poe war der "König" der klassischen Schauergeschichte und ist bis heute unübertroffen der "Meister des Horrors". Er arbeitet, und dies wird an den vorgelegten Meistererzählungen deutlich, mit unfehlbarem Instinkt für Technik, Effekte und Wirkungsmöglichkeiten. Gunter Kunert hat beschrieben, worauf die Wirkung Poes beruht und wodurch er sich von anderen zeitgenössischen Autoren unterscheidet: "Poes Prinzip besteht nicht darin, noch mehr Blut, noch mehr Mitternacht, noch mehr Leichen vor dem Leser zu summieren, sondern genau im gegenteiligen Vollzug: in der beunruhigenden Andeutung, der Steigerung dieser Andeutungen, Hinweise, Verschleierungen, bis eben gen Schluß der Schrecken nicht so sehr detailliert beschrieben, als vielmehr umschreibend angerufen und hervorgerufen wird." Und an anderer Stelle: "Bei Poe besteht die Pointe entweder aus einer nahezu flüchtigen Benennung der Schlußwendung mit wenigen Worten, noch dazu in der allerletzten Zeile wie etwa "Ligeia" oder, wie in "Grube und Pendel", nach einer quälend langsam verlaufenden Schreckensbeshreibung, in einer plötzlichen Zeitraffung und in einer konträr zum Erzählton gesetzten Sachlichkeit." Völlig korrekt. Man lese etwa daraufhin das Ende der auch hier abgedruckten Erzählung: "Der schwarze Kater". Erst im allerletzten Satz erfährt der überraschte Leser, dass der Ich-Erzähler nicht nur seine ermordete Frau, sondern - ohne es vorher auch nur mit einem Sterbenswort anzudeuten - auch seine Katze eingemauert hat! "Als ich damit [mit dem Einmauern der Leiche seiner Frau] fertig war, atmete ich befriedigt auf, weil alles in Ordnung war." Dann sucht er vergeblich nach dem Kater, der auf einmal verschwunden ist. Doch in seinem unfehlbaren Instinkt für überraschende Wendungen erfährt der Leser des Rätsels Lösung erst am Schluss: als die Polizei aufgrund einer plötzlich auftauchenden Stimme aus der Wand die Leiche findet, so sitzt der Kater auf deren Kopf: "Auf seinem Kopf saß, mit weit aufgerissenem roten Maul und einem einzigen glühenden Auge, das abscheuliche Untier, dessen List mich zum Mord verführt hatte und dessen verräterische Stimme mich dem Henker überlieferte. Ich hatte das Ungeheuer in das Grab eingemauert!"
Diese zahlreichen Zitate mögen als Beispiel für Poes Könnerschaft genügen.
Fazit
Wer sich keine Gesamtausgabe von Poes Werk kaufen möchte (was ich jedoch nur dringend empfehlen kann), der ist mit dieser Auswahl seiner besten Erzählungen, die gut und sinngemäß aus dem Englischen übersetzt worden sind, bestens bedient. Unbedingt lesenswert!
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Der Untergang des Hauses Usher
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 29. Dezember 2003

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