Lynsay Sands: Liebe auf den zweiten Blick

Liebe auf den zweiten Blick

Verlag: Egmont Lyx Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: historischer Roman
ISBN-13 978-3-8025-8900-3

Preis: 9,99 Euro bei Amazon.de [Stand: 04. Dezember 2016]
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Die Aufmachung des Buches und die Covergestaltung passen in den Romantic-History-Zweig des Verlages. Das ornamentale Motiv setzt sich, gewohnt liebevoll, im Buch fort. Die Grundidee der Geschichte klingt nicht schlecht, wenn sie natürlich auch keinen bahnbrechend neuen Plot enthält.

Clarissa soll verheiratet werden. Nach einem Skandal in ihrer Jugend wird sie jetzt erneut auf die Londoner Gesellschaft losgelassen und stolpert nahezu blind in fast jedes Fettnäpfchen, das sich ihr fatalerweise in den Weg stellt. Nur einer - Adrian - lässt sich davon nicht stören bis es (deshalb lesen wir solche Bücher ja schließlich) nach einigen Verwirrungen zum Happy End kommt. Laut Romantic Times hält man mit Liebe auf den zweiten Blick einen humorvoll prickelnden Roman in Händen, den man so schnell nicht mehr vergisst. Auch die positiven Stimmen in diversen Portalen bzw. Online-Shops lassen darauf schließen, dass das Buch unterhaltsam-leicht und erotisch angehaucht sein muss. Die perfekte Entspannungslektüre also. Gleich vorab: Das Zitat stimmt definitiv.

Unkonventionelles Denken und Handeln erwarte ich in solchen Geschichten, sorgt es doch in der ansonsten eher steifen Gesellschaft voll heute seltsam anmutender Verhaltensregeln für leichte und entspannende Unterhaltung. Beide Hauptfiguren sind nicht perfekt. Adrian ist durch eine Narbe entstellt, was ihm Komplexe beschert, die ihn trotz selbstbewusster Anwandlungen unsicher sein lassen. Clarissas Sehschwäche wiederum bietet Platz für ihre weibliche Hilflosigkeit und darüber hinaus für romantische Aktionen seitens Adrian (Picknick, Vorlesen, etc.) Nicht zu vergessen natürlich amüsant angehauchte Szenen. Da wäre zum Beispiel eine Passage, in der Adrian in Clarissas Zimmer einsteigt und die beiden sich näher kommen. Dummerweise bricht zu der Zeit ein Feuer aus. Clarissa bekommt es mit und ist, sowohl von Adrians Aktionen durch das Feuer als auch umgekehrt vom Feuer durch Adrian abgelenkt, in einem kleinen Zwiespalt. Oder die Vergleiche, die ihre Stiefmutter bemüht, während sie Clarissa über die anstehende Hochzeitsnacht aufklärt.

Doch: Unterhaltung und Amüsement halten sich in sehr engen Grenzen und bedauerlicherweise fiel mir das Umblättern relativ schnell schwer. Obwohl ich mir immer sage, dass ich Bücher eines Autoren, die nicht in eine Buchreihe gehören, nicht miteinander vergleichen möchte und sollte, habe ich genau das bei Sands historisch angehauchtem aktuell vor mir liegenden Roman und ihrer Buchreihe über die Argeneau-Vampire gemacht. Während mich besagte Buchreihe mal mehr, mal weniger gut unterhielt, enttäuschte mich Sands Ausflug ins historische Genre von vorne bis hinten. Kleiner Tipp (auch wenn mir das nicht passiert ist): Wer gerne in der Badewanne liest, sollte das Buch nicht dorthin mitnehmen. Sands LeserInnen laufen damit durchaus Gefahr, entnervt oder frustriert die Hände sinken oder ins Wasser platschen zu lassen, was sich sowohl auf E-Book-Reader wie auch auf gedruckte Bücher negativ auswirken kann.

Das liegt zum einen an unsäglichen Wiederholungen. Spätestens nach dem dritten Mal habe ich kapiert, warum Clarissa so schlecht sieht. Sands wollte jedoch anscheinend sichergehen, dass auch wirklich alle LeserInnen es begreifen und legte noch etliche Male nach. Leider drehten sich die Wiederholungen auch nicht nur um Clarissas Sehschwäche. Dazu gesellen sich vermutlich witzig angedachte Redewendungen und Übertreibungen, die mir persönlich allerdings eher albern, dröge oder deplatziert vorkamen. Es gibt zahlreiche Klischees, die durch Übertreibungen verstärkt werden. Die Mithilfe bzw. Nachsichtigkeit von Adrians Mutter oder Clarissas Vater wirkt überzogen wohlwollend. Mag ja sein, dass dazumal nicht alle Earls und Peers und sonstiger Adel absolut verknöchert und sittenstreng waren, aber das war dann doch zu viel.

Zum anderen lag es auch an der völlig unpassenden Sprache sowie flapsigen Verhaltensweisen, die für mein Dafürhalten nicht in die damalige Zeit beziehungsweise das Genre passen. Ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass man damals schon davon sprach oder darüber nachdachte, wie jemand auf ein schiefes Brett kommt. Oder sich als feige Socke bezeichnete. Oder sich nicht die Bohne kümmerte. Auch Worte wie Nasenfahrrad wirken zu modern und bums, öhm oder nee passen zudem für mich eher in die Blubbersprache eines Comics.

Noch deplatziertere Formulierungen fand ich in diversen Sexszenen. Hier war unter anderem die Vielfalt an Bezeichnungen männlicher Geschlechtsteile bisweilen nervtötend albern. Obwohl ich davon ausgehe, dass in damaliger Zeit niemand seine Bedürfnisse durch die Rippen schwitzte, erwarte ich unabhängig davon in einem historischen Liebesroman aber eher Liebesszenen und Andeutungen. Letztere wirken oft wesentlich erotischer als die teils platten, stellenweise aber auch hölzern wirkenden Beschreibungen, die man in Liebe auf den zweiten Blick findet. Egal ob es sich um Schilderungen von Oralverkehr handelt oder Begriffe wie Freudenspender die in heiße Grotten geschoben werden.

Und das ist insgesamt betrachtet auch noch lange nicht alles. Oberflächlichkeiten und Denkfehler finden sich ebenfalls. Dabei war es am harmlosesten, dass Clarissa mit immerhin 24 permanent als Mädchen bezeichnet wird. In diesem Alter lief man dazumal wohl eher Gefahr, als alte Jungfer tituliert zu werden. Besagtes Mädchen ist zwar anscheinend fast blind, sieht aber bestimmte Dinge problemlos, je nachdem wie es der Autorin gerade in den Kram passt. Mal lächelt sie in die ungefähre vermutete Richtung eines Gesprächspartners, hat aber keine Mühe, dessen Gesichtsausdruck zu deuten. Das klappt allerdings nicht immer, denn in etlichen anderen Szenen, kann sie besagten Ausdruck dann doch nicht erkennen. Sie stellt heißen Tee auf einem Oberschenkel ab, weil sie einen Tisch hinter dem Umriss vermutet, hat aber keine allzugroßen Probleme visuell die amourösen Abenteuer eines Verehrer zu verfolgen. Vom Klarblick auf den gut gebauten und exemplarisch ausgestatteten Adrian ganz zu schweigen. Ihre Kurzsichtigkeit scheint zur Weitsichtigkeit zu mutieren und andersherum. Außerdem stelle ich es mir in einer Zeit ohne Fön schwer vor, eine ansprechende Frisur für einen Ball zu kreieren, nachdem die Person, die ich frisieren muss, zuvor bewusstlos in einem Brunnen lag und besagter Ball längst begonnen hat. Mit Umziehen alleine dürfte es wohl nicht gelungen sein, sowohl die dabei entstandene Verletzung als auch die nassen Haare zu vertuschen, damit nicht auffällt, wo Clarissa war. Ebenso wenig glaube ich, dass es zu dieser Zeit so einfach war, an eine Brille zu kommen, wie die Autorin es letztendlich beschreibt.

Wäre die Geschichte auf 50 Seiten komprimiert worden, hätte man vermutlich eine lustig-unterhaltsame Erzählung daraus machen können. So jedoch zieht sich eine künstlich aufgeplusterte Story zu einem rosarot angehauchten Ende. Das passt zwar durchaus im Bezug auf Adrian und Clarissa. Hinsichtlich des von der der Autorin eingeflochtenen Handlungsstrangs, der Clarissas Tollpatschigkeit teilweise in Anschläge auf sie umwandelt, wirkt es jedoch langatmig. Was von der Autorin als Verwirrspiel auf der Suche nach einem bösen Widersacher angelegt wurde, entwickelt sich sehr vorhersehbar und überaus konstruiert, bevor es weich gespült und wie erwähnt rosarot angehaucht endet. Adrians ach so scharfer Verstand übersieht dabei hanebüchen offensichtliche Dinge oder vergisst sie schlicht und ergreifend, während Clarissa einen Oskar für ihre Rolle als naives Dummchen verdient hat.
Fazit
Fazit:

Obwohl ich keinen hochgeistigen Roman mit geschichtlich belegten Fakten erwartet habe, hat mich Liebe auf den zweiten Blick nicht nur nicht gefesselt, sondern komplett enttäuscht. Insgesamt möchte ich nur 2 von 10 Punkten dafür vergeben. Romantic Times hatte wirklich recht. Das kann man nicht einfach so und schnell vergessen. Darf man auch gar nicht, wenn man wie ich dazu neigt, Bücher nicht abzurechen, weil viel Arbeit darin steckt und man immer die Hoffnung hegt, dass es doch noch besser werden muss. Diese Hoffnung hat sich bei diesem Roman definitiv nicht erfüllt. Übertreibungen an sich bereits vorhandener Klischees und die falsch wirkende Sprache rauben das letzte bisschen Lesefreude, das angesichts der guten, aber schlecht umgesetzten Grundidee aufkommen mag.

Copyright ©, 2013 Antje Jürgens (AJ)
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Vorgeschlagen von Ati [Profil]
veröffentlicht am 23. Februar 2013

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